Der Moment, wenn es Klick macht

und sich der Stromkreis endlich schließt...

Manchmal treffen mich Erkenntnisse, Verbindungen zu Menschen oder auch meine eigenen Emotionen so unvorbereitet und in einer Intensität, die mich überwältigt. Vieles davon war oft schon vorher da und ich frage mich dann, warum ich es nicht schon früher sehen konnte, was unzählige Gründe haben kann. Was mich heute beschäftigt, sind Timing und das Stehen am richtigen Platz. Weil vieles eben (wie hier z.B.) erst aus der passenden Perspektive, zur passenden Zeit, wirklich Sinn ergibt.
 
Es passiert mir immer wieder, dass ich zu Kunst erst dann einen Zugang finde, sobald ich eine persönliche Verbindung fühlen kann. Zum Genre, zur Kunstform, zur Person, die mir etwas empfiehlt, zum Thema, weil es mich persönlich berührt oder zur kunstschaffenden Person selbst. Solange ich keine Verbindung aufbauen kann, lässt mich vieles erstmal kalt, was auch menschlich ist, wie ich finde. Irritiert bin ich immer dann, wenn ich zur Kunst von Menschen erstmal keine Meinung habe, sie mich nicht besonders interessiert und es dann auf einmal schlagartig einen Moment gibt, in dem es Klick macht und alles in die richtigen Plätze fällt.
 
Es gibt mehrere Situationen, die mir hier sofort in den Kopf schießen. Ein Musiker und heute guter Freund z.B., den ich kennenlernte, ohne zu wissen, was er so macht. Wir fanden schnell eine Verbindung über die geteilte Liebe für Bands und geteilten Schmerz über den Verlust eines Lieblingsmusikers.
 
Erst nach unserem Kennenlernen entdeckte ich seine Musik und konnte sie nicht einfach nur nebenbei laufen lassen, wie ich es sonst oft mache. Die Texte waren ein Blick in seine Vergangenheit und fühlten sich an, als dürfte ich ein Stück aus seinem Tagebuch lesen… aus Liebesbriefen und aus schlechteren Tagen… Ich hatte das Gefühl, hier ein Stück seiner Seele vor mir zu haben und diese Tiefe empfinde ich bei Texten anderer meist nicht, weil ich die Personen nicht kenne. Kunst von Fremden braucht einen anderen Zugang, z.B. zu meiner eigenen Geschichte, um mich zu begeistern. Kunst von Freund:innen passiert auf einer anderen Ebene.

Auch die kritische Auseinandersetzung mit eigenen Stereotypen passiert vor allem dann, wenn jemand, den ich gern habe, eine Begeisterung teilt, die ich nachvollziehen möchte. Erst dann habe ich in der Vergangenheit einen Grund gesehen, noch einmal genauer hinzuschauen und mich selbst zu hinterfragen. Es ist nicht so, dass ich automatisch etwas mag, weil jemand in meinem Umfeld es erwähnt. Aber ich entwickle so immer mal wieder ein Bedürfnis, mich zu prüfen und Neues auszuprobieren. Um über meinen eigenen Schatten zu springen und meine Komfortzone zu verlassen, brauche ich Menschen, für die sich dieser Sprung gut anfühlt. Diese Momente bereichern mein Leben so sehr, dass es sich zuletzt besser anfühlt, auch in Eigenregie Neues zu erforschen und proaktiv nach Entwicklungsmöglichkeiten zu suchen.
 
Ein wichtiges Erlebnis auf dieser Reise passierte 2019, als ich für eine Woche ein Metal-Festival als Fotografin begleiteten durfte. In diesen Tagen sind ein paar Freundschaften entstanden, die mal wieder der Anlass für eine schrittweise Öffnung zu Neuem waren und das Verwerfen starrer Regeln. Weil… vermutlich keine große Überraschung… Meine Haltung zu Metal war auch sehr lange ein kategorisches „Gefällt mir nicht!“, was bei der Vielfalt des Genres absoluter Blödsinn ist. Jedenfalls stolperte ich in dem Zusammenhang zum ersten Mal auch über Prog-Metal, was den Einstieg ziemlich einfach gemacht hat, weil ich Prog-ROCK nämlich ganz schön großartig finde. Kurzum: Ich steh auf Gitarrenmusik und auch minutenlange abgefahrene Soli (oder wie mein Mann sagen würde: „Gitarrengewichse!“). Hier eine Grenze zu ziehen, weil „das falsche Wort“ angehängt ist, ist also absoluter Quatsch und ich konnte mal anfangen, Gemeinsamkeiten statt Unterschiede wertzuschätzen.

 

Meine kategorische Ablehnung löst sich seither weiter auf, auch wenn es immer mal wieder von innen an die Birne klopft. „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“ sagt der Volksmund und ich entscheide mich immer öfter dagegen. Oder sagen wir es so: Ich entscheide mich immer öfter für meine persönliche Entwicklung und neue Erfahrungen statt Regeln und Komfortzonen-Bullshit. Also kann ich mir dann auch mal ein Metal-Konzert anschauen oder die singenden Mönche von Gregorian. Wann immer ich zuletzt gesagt habe, dass mir etwas NIEMALS gefallen wird, lag ich ziemlich doll daneben, also versuche ich sowas nicht mehr zu behaupten.
 
Spannend ist für mich, wie unterschiedlich ich mich verhalte, je nachdem, ob ich zuerst den Menschen oder zuerst die Kunst kannte und mochte. Ich habe einen Fan-Girl-Modus, den ich furchtbar finde, weil ich dann schüchtern werde und nicht mehr weiß, wie ich mich verhalten soll. 😉 Es ist sehr viel angenehmer (für beide Seiten), wenn ich Menschen unbefangen kennenlerne und erst danach anfange, ihre Kunst zu mögen. Und ich mag mich auch selbst viel lieber, wenn ich nicht alles zerdenke, um keinen Quatsch zu erzählen (was ziemlich sicher schiefgeht!) – sondern unüberlegt einfach volles Brett in den Hype-Modus rutschen kann, wenn mich etwas begeistert.

Im letzten Jahr stolperte ich zufällig über ein Spoken Word Stück, das mich ziemlich überraschend wie ein Stromschlag getroffen hat. Das war krass für mich, weil es so plötzlich und intensiv war. Ich kannte die Person schon einige Jahre flüchtig, hatte aber keinen echten Bezug zu dem, was sie so machte. Und ich war auch nicht an einem Punkt, an dem ich das ändern wollte, weil ich der Meinung war, mit Kunst nix am Hut zu haben. Alles, was nur entfernt mit Poesie oder Gefühlen zu tun hatte, hielt ich grundsätzlich auf ganz weitem Abstand, wie ich hier schon genauer beschrieben habe. Heute gehört dieser Mensch zu meinen engsten Vertrauten.

 
Der Moment, in dem ich dieses Stück fand war heftig, weil es mich komplett an der Stelle abgeholt hat, an der ich zu der Zeit stand. Es fühlte sich an, als hätte ich genau diese Worte in diesem Moment gebraucht und als wären sie nur für mich geschrieben. (Das war nicht der Fall, weiß ich sicher, weil es „vor meiner Zeit“ entstanden ist. Da hab ich genau NIX mit zu tun! 😉 ) Ich erinnere mich aber sehr genau, dass ich sprachlos vor diesem Video saß und überhaupt nicht fassen konnte, was da gerade passiert war. Und ich schaute mir das Stück danach noch diverse weitere Male an und entdeckte immer neue Details, die exakt zu meiner Situation passten.
 
Das ist auch deshalb spannend, weil ich sehr sicher bin, dass ich mit diesem Stück wenige Wochen vorher überhaupt nichts hätte anfangen können, wenn ich es gesehen hätte. Dass es als Aufhänger die Hadouken-Tastenkombination aus Street Fighter nutzt, half da auch nicht weiter, weil ich auch dazu keinen Bezug hatte. Vermutlich hätte ich unbeeindruckt die Schultern gezuckt und es nicht mal bis zum Schluss angeschaut, weil es für mich nichts bedeutet hätte. Und das ist in Ordnung.
 
Für die meisten, die diesen Text hier lesen, wird das Stück vermutlich nicht annähernd den gleichen Effekt haben und auch das ist in Ordnung. Ich hab es in meinem Hype-Modus mal getestet und andere konnten nicht annähernd so viel damit anfangen, weil es eben in jeder Person andere Assoziationen und Gefühle aktiviert – oder eben auch nichts davon. Aber ich wünsche euch, dass ihr auch etwas findet, das euch im richtigen Moment auf diese Art und Weise begeistert, berührt und inspiriert.

In der Situation, in der ich das Video fand, bedeutete es aus ganz verschiedenen Gründen viel für mich. Ich konnte die Worte annehmen und daraus überraschend etwas lernen, weil ich eine tiefe Verbindung dazu hatte. Weil es Klick gemacht hat und in diesem Moment zufällig alles am richtigen Platz war. Es gab eine Verbindung zur Person, zum Inhalt, zu mir selbst, meiner eigenen Geschichte und meiner riesigen Ungeduld mit Veränderungen in meinem Leben.
 
Vermutlich war es das Gesamtpaket, das mich so überrollt hat und weshalb dieses Stück mich weiterhin täglich begleitet. Als Lesezeichen mit meinen liebsten Textstellen; als Eselsbrücke, weil mich die Tastenkombination daran erinnert, dass alles Neue Zeit und Übung braucht oder als Sounddatei auf meinem Handy, sodass ich mir eine Schüppe Motivation und Durchhalteparole immer dann auf die Ohren packen kann, wenn ich sie doch mal wieder brauche. Dafür habe ich mir beigebracht, wie ich Video- und Tonspuren voneinander trennen kann, um die Worte eben auch unterwegs hören zu können, z.B. vor wichtigen Auftritten.

 
All das erinnert mich hin und wieder daran, „die Hand in der Handlung [zu] sein“ und nicht aufzugeben, aus Angst davor, „den eigenen Gedanken nicht gerecht zu werden“. Daran, nach einem Fehlversuch wieder aufzustehen und nicht vorschnell zu handeln, sondern „am Anfang an[zu]fangen“. Mit „Blickrichtung Hoffnung“ und dem klaren Fokus auf ein Ziel, statt auf zu viele gleichzeitig. Die Abstände werden länger, aber ich weiß immer genau, wo ich eine Auffrischung bekomme, wenn ich sie brauche.
 
Das Stück ist für mich eine Motivationsrede in 4 Akten und wenn ich es heute höre, stehe ich schon wieder an einer anderen Stelle als beim ersten Mal. Ich liebe es, wie sehr ich mich daran selbst messen und vergleichen kann, welche Veränderungen ich in mir wahrnehme und auf welche Stellen ich jetzt stärker reagiere. Heute sind es eher die späteren Teile, nach der Ungeduld, mit neuer, sicherer Aufstellung in mir selbst. Mit der wichtigen Erkenntnis, dass diese Textpassagen damals vor allem eine diffuse Hoffnung waren.
 

Heute sind sie Teil meiner Realität, weil ich sehe, wohin es mich gebracht hat, das Tempo zu drosseln, mich zu trauen und zu üben. Auch wenn es schwer war und ich mehrfach alles hinschmeißen wollte, weil Perfektionsanspruch mich gelähmt hat, bin ich froh, dass ich diese Fehleinschätzung aufräumen konnte.

„Die Übung macht unsere Sinne eindeutig und klar. 

Unser Innen kommt nach Außen.
Und kommt dann der rechte Tag, kommt der Strom.

Das Aushalten wird belohnt!“

Jay Nightwind

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