Bis sie fallen...

und was Oliven mit Rap zu tun haben

Die beiden letzten Artikel beschäftigten sich mit meinen Fehleinschätzungen, besonders bezogen auf meinen Musikgeschmack. Es war so nicht geplant, aber jetzt wird es doch ein solider Dreiteiler, denn auch Rap habe ich bis auf wenige Ausnahmen lange kategorisch abgelehnt. Einige Bands mischten Elemente von Rap mit anderen Stilen, sodass sich z.B. durch Such a Surge auch Sprechgesang in meine Musiksammlung geschummelt hat.

Es ist schon irgendwie witzig, dass es gerade in „Schatten“ darum geht, über seinen eigenen zu springen und ich damals nicht weiter davon hätte entfernt sein können. 
 
Und der Song endet mit dem Zitat: „Ich musste einen weiten Weg zurücklegen, um zu meinen heutigen Ansichten zu gelangen.“ Ein Satz, den ich damals zwar zitiert aber kein Stück gefühlt habe. Heute trifft er mich ziemlich doll! Grundsätzlich war ich der Meinung, dass ich mit Rap überhaupt gar nichts anfangen könnte und lag, wie so oft, falsch und brauchte nur mal wieder einen WTF-Moment, in dem die nächste Mauer in meinem absurden Regelwerk mit einem ziemlichen Knall eingerissen wurde.

Dieser Knall kam durch einen Song von Curse, den ich – ich sag es euch ganz offen – nicht mal anhören wollte. In einem kleinen Artist-Circle*, von dem ich Teil sein durfte, teilten wir mit großer Begeisterung Texte und Impulse, die uns auf irgendeine Weise berührt haben. Meist ohne große Erklärung. Genauso stieß ich auf „Sie fallen“ von Curse (feat. ELIF) und ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen, weil meine Reaktion einfach SO TYPISCH war. Darüber muss ich gerade lachen, während ich diese Zeilen tippe. Je vehementer ich formuliere, dass ich mit einer Sache niemals etwas anfangen kann, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich kurz danach herausfinde, was für ein absoluter Quatsch das ist. Ich versuche mir diese Art zu denken und zu sprechen daher auch abzugewöhnen.
 
Noch bevor ich auch nur eine Sekunde dieses Songs gehört oder vom Text gelesen hatte, antwortete ich schon, dass ich sicher bin, dass es mir nicht gefallen würde. Ich hatte wenige Wochen zuvor schon mal wieder in einen Curse-Song reingehört, der mich an keiner Stelle abgeholt hatte. Für mich stand daher schon fest, dass ich dazu keine Gefühle haben würde. Ich verglich es mit Oliven, die ich immer mal wieder probiert hatte, aber ewig lange nicht mochte und dass ich es wohl mal weiter versuche. Irgendwann würde dann vielleicht der Tag kommen, an dem mir „schmeckt“, was Curse so anzubieten hat.
 
Und dann startete ich diesen Song…

[…] Wenn der Raum so viele Jahre dunkel ist
Und plötzlich jemand kommt, der das Licht anknipst

Und der ganze Körper bäumt sich auf
Beine suchen Boden, Arme greifen Luft, Herz wird Bauch
Angst und Mut führen beide geradeaus
Direkt auf die Mauern und hindurch

Bis sie fallen, Sie fallen, sie fallen

Und ich bin wieder bei mir, endlich wieder bei mir

Sie fallen, ich tanze auf den Trümmerhaufen
Sie fallen, und ich bin wieder bei mir  (Curse)

Ich war nicht darauf gefasst, wie sehr dieser Text mich bis ins Mark treffen und aus der Bahn treten würde. Im letzten Artikel erzählte ich schon von einem Text, der mich so unvorbereitet erreicht und begeistert hat. Dieser Song hier war ein ganz anderes Level, weil ich minutenlang nicht mehr aufhören konnte zu weinen. Ich hatte einen Kloß im Hals und konnte einfach nicht begreifen, was da passiert war.

 

Erst einige Monate vorher hatte ich angefangen Gedichte zu schreiben, die sich im Kern überwiegend mit Veränderung, Ängsten, Chaos und Selbstfindung beschäftigten. Und auch mit Menschen, die auf dieser Reise unterstützen und mir wichtig sind. Und dann kommt dieser Song um die Ecke, der sogar eine sehr ähnliche Bildsprache nutzt. Ungeliebte Schatten und Licht… ein Verließ, in dem jetzt alle Türen offen stehen… jemand, der plötzlich kommt, und das Licht anknipst… und wie heilend es ist, gesehen zu werden, sodass die eigenen Mauern endlich fallen und man sich selbst (wieder)finden kann.

 

Für mich beschrieb es perfekt meine aktuelle Identitätskrise, seit ich anfing Kunst zu machen. Außerdem bekam ich nur knapp zwei Wochen vorher mit fast 39 eine ADHS Diagnose, die noch einmal anders durcheinanderwürfelte, wie ich mich selbst sehe und verstehe. So viel wurde aus der Bahn geworfen, brachte Verunsicherung, aber ich erinnere mich trotzdem nicht, dass ich mich schon mal so nah bei mir selbst gefühlt habe, trotz all dieser Veränderung.

 
Das Gefühl kann ich gerade wieder ausgraben und es ist mir bisher nicht oft passiert, dass ich einen Text höre und innerlich so auseinanderfalle – weil es sich anfühlt, als wäre er für mich geschrieben – weil es so nah dran ist, dass es gruselig ist. Was spannend ist, weil dieser Song schon 10 Jahre alt ist und ich genau an diese Stelle kommen musste, um ihn so fühlen und damit connecten zu können. Mit der Oliven-Theorie lag ich also gar nicht falsch und der Moment war einfach gekommen!

 
Nachdem ich „Sie fallen“ einige Male hintereinander gehört hatte, kam mir die Idee, noch mal zu schauen, was es sonst noch zu entdecken gibt. Dabei fand ich das Album Die Farbe von Wasser und hatte noch mal einen ähnlichen „Ihr wollt mich doch alle verarschen?!“-Moment, weil das KOMPLETTE ALBUM hier thematisch anknüpfte. Direkt der erste Song Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt ist seither Stammgast in meiner Playlist und ein kleiner Motivationsschub für unterwegs.

 

Nachdem ich mich davon wieder erholt hatte, wie viele Gefühle diese gesamte Platte bei mir ausgelöst hat, fand ich diesen großartigen Film darüber:

Hierin werden nicht nur alle Musikvideos gezeigt, sondern auch Interview-Teile, in denen Curse seine Hintergrundgeschichten dazu erzählt. Und auch dieser Film sorgte dafür, dass ich mich ihm, seiner Musik und auch einigen seiner Entwicklungen sehr verbunden fühle. Ich musste diese Schritte, Brüche und Veränderungsprozesse alle selbst einmal in dieser Intensität durchmachen, um da anzukommen, wo ich heute bin.

 

Es ist so bereichernd, über seinen Schatten zu springen und Mauern einzureißen. Auch mein Musikuniversum hat so viel Neues dazugewonnen, worüber ich mich sehr freue. Ich habe so viel Neues zu entdecken, zu lernen, zu denken, zu schreiben und zu lieben. Alles, weil ich auf dem Trümmerhaufen meiner alten Regeln tanzen und „endlich wieder bei mir“ sein kann! 

 

Dafür werde ich auf ewig dankbar sein. Den Menschen, die das Licht angeknipst haben; denen, die helfen, dass es nicht wieder ausgeht und auch mir selbst, weil ich immer wieder die Entscheidung treffe, diese Schritte auch wirklich zu gehen und nicht stehenzubleiben, auch wenn es mich immer wieder Überwindung kostet. Aber…
 

Jede schwere Reise beginnt mit dem ersten Schritt – Jede leere Seite beginnt mit dem ersten Strich
Jedes leere Buch beginnt beim ersten Versuch – Und wer weiß wie viel Zeit uns noch bleibt.
(Curse)


*Da Jay Nightwind, der ebenfalls Teil dieses besagten Artist Circles war, einen lesenswerten Artikel über Artist Circles geschrieben hat, bin ich an dieser Stelle einfach mal faul und schicke euch zu einem anderen Artist, wenn ihr mehr darüber wissen wollt, was es damit auf sich hat. Da schließt sich dann der Circle. Irgendwie.

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