"Ist das noch Punkrock?"

Unsicherheit kann ganz schön laut sein

Ich weiß leider nicht, wie viele gute Künstler:innen bei mir in diesem Schrott-Filter hängengeblieben sind, weil ich nicht zulassen konnte, aus meiner Rolle zu fallen. Für mich stand seit Ewigkeiten fest, dass „Punk“ zu meiner Identität gehört und das schloss automatisch eine ganze Menge anderes aus.
 
Absurderweise führte das dazu, dass sogar meine absolute Lieblingsband zu Teenager-Zeiten diesem Filter zum Opfer fiel, als sie sich weiterentwickelten. Ich kam nicht damit zurecht, dass sie über die Zeit „poppiger“ wurden und das passte nicht zu dem Bild, das ich von mir selbst hatte und nach außen präsentieren wollte. Damals war mir überhaupt nicht klar, zu was für einem Klischee und Punkrock-Abziehbild ich mich selbst degradiert habe, während mir Individualität und „authentisch sein“ so unfassbar wichtig waren. Ich hatte mich in einer kleinen Schablone davon selbst eingesperrt, was ich für schlüssig und „Punkrock“ hielt. Im Grunde passt auch hier das Käfig-Bild aus meinem Einstiegsartikel wieder sehr gut.

 

Heute muss ich darüber ein bisschen mitleidig den Kopf schütteln, aber die Erfahrungen die dazwischen passiert sind, konnte ich eben nicht überspringen. Zeitgleich freue ich mich aber auch immer wieder riesig, wenn ich die nächste Generation nachwachsen sehe. In der Hoffnung, dass sie etwas weniger streng mit sich sind und dem, was alles Punkrock ist oder daneben auch noch sein darf. Zumindest von außen habe ich den Eindruck, dass die Grenzen da heute sehr viel fließender sind.
 
Ich wünschte, ich hätte mir nicht selbst so viele gute Momente, Texte und Verbindungen verbaut, weil ich kein Gefühl dafür hatte, was mir eigentlich wirklich gefällt. Und viel zu große Scham davor, etwas gut zu finden, das mein Umfeld vielleicht verurteilt. Aber schauen wir uns die Geschichte mal ein bisschen genauer an, weil ich hieran meine eigene Entwicklung so deutlich festmachen kann.

Die Lieblingsband, um die es geht, waren The Wohlstandskinder. Hier mal ein Song von ihrem ersten Album „Für Recht und Ordnung“, damit ihr einen Eindruck bekommt. Als die Scheibe erschien war ich 13 und ja, ich fühl mich ein bisschen alt, aber das ist auch ok. 😉
 

Die Jungs starteten als Schülerband und das erste Album sollte eigentlich kein Maßstab dafür sein, was noch kommt und auf welchen Stil man eine Band festlegt. Generell bin ich heute der Meinung, dass Erstlings-Werke nicht zur Schablone gemacht werden sollten, an der alles Folgende gemessen wird. Denn der Startpunkt ist eben nicht die Stelle, an der ein Projekt schon richtig grandios ist, sondern der Einstieg, an dem noch gar nichts klar ist und von wo aus Entwicklung passiert.
 

Trotzdem habe ich das über Jahre so gehandhabt und war bitter enttäuscht, wenn Künstler:innen sich dann erdreisteten, meinen Erwartungen nicht gerecht zu werden. („Nein, ich bin nicht sauer… nur sehr enttäuscht!“ Autsch!) Während ich diese Zeilen hier schreibe, merke ich noch mal neu, auf was für einem Level an Starrsinn ich damals feststeckte, weil Veränderungen für mich eine komplette Katastrophe waren.

Im Song „Vorstadt“ auf diesem Album geht es sogar um Spießbürgertum und Stillstand, durch die Ablehnung von Veränderung.
 

„Eine Rasse, die nie ausstirbt – das brave Bürgertum.
Eine Masse die stets „Ja“ sagt, doch „Nein“ zur Änderung.
Hab keinen Bock, mir meinen Sarg schon heut‘ zu bau’n.
Keine Lust, immer auf morgen zu schaun.
Viel zu viele sind schon tot und leben doch.
Warum leben sie noch?“

 

Ich erinnere mich, dass ich den Text damals lauthals mitgröhlte. In der kompletten Überzeugung, auf der anderen Seite zu stehen, progressiv und so viel besser zu sein als das. Spannend, wie anders sich das heute anfühlt und wie blind ich damals meinem „Punkrock-Regelwerk“ gefolgt bin. Parker tragen, Haare färben, Hansa trinken (bis heute weiß ich grob, wie viele Paletten Hansa (0,5 oder 0,3) in welchen Bundeswehr-Rucksack passen) und Anarchie-Parolen auf meine Schulhefte zu kritzeln war auch nicht viel anders, als die Beschreibung des Bürgertums in diesem Text.
 
Nur, dass ich mich damals „auf der richtigen Seite“ wähnte, lange bevor ich schnallte, dass genau diese Art von Bewertung und Schubladendenken das eigentliche Problem sind. Weil es Hierarchien herstellt, wo ich sie eigentlich anprangern und abschaffen wollte. Selbstverständlich hatte die Band auch dafür den passenden Soundtrack parat: „Denn es gibt nur eine Lösung und die finden wir wohl nie – Ich kenne schon den Anfang: Zerstört die Hierarchie!“

Ich könnte zu so ziemlich jedem Song auf diesem Album jetzt persönliche Anekdoten teilen und erzählen, was sie für mich bedeuten. Oder auch kritisch damit umgehen, dass einige Inhalte so gar nicht gut gealtert sind. Aber dieser Artikel soll ja  kein Platten-Review werden, sondern Entwicklung aufzeigen. Wichtig ist an der Stelle nur, wie sehr die Inhalte dieser Texte mit meinem Selbstverständnis und allem verwoben waren, was ich damals für meine Identität hielt…
 
Puh, hatte ich noch keine Ahnung, was das eigentlich bedeutet. Aber große Worte fand ich damals ziemlich gut und ich liebte die Band auch, weil sie mir den Ausdruck „exorbitant inkommodierend“ beigebracht hat, wodurch ich mir ganz schön schlau vorkam.

Album Nummer zwei „Poppxapank“ blieb den Inhalten im Grunde weiter treu, veränderte aber den Stil der Band etwas. Die Mischung gefiel mir extrem gut und immerhin waren Pop-Punk und Ska-Punk ja auch Punkrock-Genres und damit, in meiner Welt, akzeptabel. Diese Platte war wohl auch mein erster Ska-Zugang, den ich danach noch sehr viel tiefer (zu einem meiner liebsten Musikstile überhaupt) ausgebaut habe. Das Kazoo verbinde ich als Instrument übrigens bis heute fest mit den Wohlstandskindern und mir wird immer ein bisschen warm um’s Herz, wenn ich das Geräusch höre.
 
Insgesamt gab es immer eine Mischung aus Frust, Gesellschaftskritik, meiner Lebensrealität als Außenseiterin, schlauen Wortspielen aber auch komplettem Quatsch und guter Laune in all dem Abfuck. Hier fühlte ich mich musikalisch zu Hause, fand Gleichgesinnte und baute Verbindungen auf.
 

In Tobias Röger (damals bekannt als Honolulu Silver) fand ich meinen Schreib-Helden, auch wenn ich erst Jahre später herausfinden sollte, wie viele Gründe mehr es dafür noch zu entdecken gab. Ursprünglich mochte ich die Kombination aus frech, direkt und klug. Aber auch, wie schnell er zum Teil mit Worten um sich feuern konnte, ohne sich dabei die Zunge oder das Hirn zu verknoten. Ein bisschen wie Lucky Lucke, der den Revolver schneller zieht als sein Schatten – auch wenn mich Sprache deutlich mehr begeistert als Schusswaffen.

 

Womit ich so gar nicht umgehen konnte, waren GEFÜHLE! Meine Güte, ist das eine Dauerbaustelle in meinem Leben und ich bin noch immer dabei, hier einiges an Grundlagen nachzuholen und meine Hausaufgaben zu machen. Das ist mit ein Grund, warum ich so viele Musikrichtungen, Kunstformen oder Menschen kategorisch für mich ablehnte, weil ich nicht damit konfrontiert werden wollte, mich mit meiner eigenen Gefühlswelt auseinanderzusetzen. Sarkasmus und Humor waren meine Kompensationsmechanismen und komplexe, große Emotionen und tiefgründige Auseinandersetzungen waren nichts, worauf ich mich einlassen konnte oder wollte.

 

Trotzdem hat es Tobias eine Weile lang geschafft, durch diese Coolness-Mauer zu brechen und mir ein paar Songs mit Gefühlen „unterzujubeln“, die außerhalb meiner üblichen Range zwischen witzig oder wütend lagen. „Ein Tor war es nicht“ folgte musikalisch noch meinem gewohnten Muster, wurde aber inhaltlich sehr persönlich, weil ich durch gebrochenes Vertrauen und eine Trennung gerade akut verletzt war: „Tödlich lieben ist das eine, Liebe töten ein anderes Extrem“. Der Song war daher ein gutes Ventil, um einfach über lautes Mitsingen die Anspannung durch Frust, Wut und auch Trauer loszuwerden, ohne mich dem stellen zu müssen.

 

„Klischee“ war dann auch musikalisch eine komplett andere Schiene, sehr ruhig und gefühlvoll, was bei mir die ersten Abwehrreaktionen auslöste. Trotzdem war meine Liebe zur Band so groß, dass ich mich darauf einließ, auch diese Entwicklung noch zu tolerieren. Ich war allerdings nicht mehr sicher, ob wir uns in eine ähnliche Richtung entwickelten oder vielleicht doch eine weitere schmerzhafte Trennung ins Haus stehen würde. Wie sehr der Song mich selbst betraf, konnte ich zu der Zeit nicht sehen:

 

„Was soll es also, wo ist der Unterschied

zwischen Image und Gewohnheit und dem, was erwartet wird
Er war halt Klischee
Das tat ihm zwar nicht weh
Doch irgendwie hat’s ihm zu schaffen gemacht…“

Das nächste Album „En Garde“ war dann tatsächlich mein vorzeitiger Ausstieg. Damals mit der Begründung, die Band sei „gar nicht mehr Punkrock!“. Ich war 16, extrem hart in meinen Urteilen und außerdem ziemlich nachtragend. Keine besonders angenehmen Kombination und ich bin sehr froh darüber, wie weit weg sich diese Haltung anfühlt. Nichtsdestotrotz entschied ich mich in diesem Moment, dass meine Lieblingsband zwar das Recht hatte, sich zu entwickeln, aber für mich dann ab sofort gestorben war. Bzw. „eingefroren“, denn ich hörte an der Stelle nicht auf, die alten Platten alle noch zu hören und zu mögen. ABER ich hielt auch flammende Vorträge darüber, warum die Band ihre Überzeugungen verloren habe und jetzt „Mainstream“ sei.
 
EIN SKANDAL! Kreative, die von ihrer Arbeit auch leben möchten und die sich mit der Zeit weiterentwickeln. Wie anmaßend das war, ist mir erst viele Jahre später aufgegangen, als es die Band schon gar nicht mehr gab. Alle paar Jahre bekam ich eine sentimentale, melancholische Phase und holte die alten Alben aus der Mottenkiste. Streamingdiensten sei Dank war es dann noch einfacher, auch die späteren Alben noch einmal zu hören und festzustellen, wie falsch ich lag. Und wie viele gute Momente ich mir verwehrt hatte, aufgrund irgendwelcher unnützen Regeln, die ich mir selbst auferlegt hatte. Auch daher gehört dieser Artikel hier zur Reihe Fehleinschätzungen, die mit der Zeit wohl noch sehr viel voller werden wird. 😉
 
Das Lied eines Träumers war mir daher „viel zu weichgespült“ und heute ist es eins meiner liebsten Stücke überhaupt. Und Der Philosoph ist eine ganz hervorragende Verarbeitung davon, wie es klingt, wenn jemand sich für so viel schlauer und besser als andere hält. Absurderweise hatte ich auch eine sehr harte Meinung über Philosophen und Menschen, die sich über andere Stellen, während ich überhaupt nicht sehen konnte, wie sehr ich das selbst auch tat und wie viel Doppelmoral da im Einsatz war. Diesen Song möchte ich daher auch noch teilen und ihn meinem großkotzigen Teenie-Ich und Richard David Precht widmen.

In einer dieser sentimentalen Phasen merkte ich, wie sehr mir die Stimme und Texte von Tobias fehlten. Zu vielen der Stücke, die ich damals ablehnte, fand ich einfach keinen Zugang in mir selbst. Aber jetzt konnte ich damit connecten. Ich war wohl einfach noch nicht so weit und jetzt, als es klickte, gab es die Band nicht mehr. Das machte mich wirklich traurig, aber dann erzählte mir ein guter Freund, dass Tobias im Nachgang eine neue Band mit dem Namen TON gegründet hatte, die bisher an mir vorbeigegangen war. Grund genug also, doch mal etwas Neues zuzulassen und zu forschen, in welche Richtung es nach den „Kindern“ so musikalisch weiterging.
 
Die beiden Alben „Wir haben die Zeit, sie uns zu nehmen“ und „Diskussionen mit dem Eisberg“ haben mich komplett umgeworfen. Beide zählen bis heute zu meinen Lieblingsplatten, die ich immer wieder höre. Zum Beispiel wenn ich wieder eine melancholische Phase habe oder ein bisschen Anspannung loswerden möchte, indem ich weine. Auch etwas, das für mich vor einer Weile noch absolut undenkbar gewesen wäre, geschweige denn, das öffentlich zuzugeben! Auf den Platten sind jedenfalls ein paar Titel, die dabei sehr zielsicher helfen und die mir inhaltlich viel bedeuten.

Leider entdeckte ich diese Platten, Texte und Gefühle erst, nachdem es auch diese Band schon nicht mehr gab. Ich wünschte wirklich, ich wäre früher an diesen Punkt gekommen, um sie live zu sehen und zu verfolgen, was sie machen. Timing ist etwas, das mir in aller Regel nicht gut gelingt und auch hier stimmte es wieder. Allerdings sind diese „Hätte ich es doch früher verstanden“-Gedankenexperimente im Konjunktiv überhaupt nicht sinnvoll und führen auch nirgendwohin.
 
Dieser Prozess, die Zeit und auch die Entwicklungen, die ich in dieser Zeit gemacht habe, waren nötig, um an diesem Punkt anzukommen. Es gab keine Abkürzung, keinen Cheat-Code und keine Komplettlösung im Vorfeld, um einen Speedrun hinzulegen. Ich musste durch diese ganzen Phasen selbst durch… Entscheidungen treffen… Hadern… Neu anfangen… Zweifeln… Blockaden überwinden… Verluste aushalten… Und bittere Erkenntnisse zulassen, statt sie zu betäuben.
 
All diese Schritte waren nötig und ohne diese Erfahrungen und „Risse, in meinem Fundament“ hätten mich diese Texte nicht berührt. Mir hätte weiterhin der Zugang gefehlt, den ich brauchte, um zu dieser Musik überhaupt eine Verbindung aufzubauen. Also war es doch ein erstaunlich passendes Timing und ein guter Weg.
 
„Von Reisen, hat man mir gesagt, kommt nie derselbe Mensch zurück.“ ist eine Textstelle aus „Von hier bis in die Welt“.  Und mein letztes Jahr war eine Sammlung kleiner und großer Schritte, kurzer und langer Reisen, voller neuer Begegnungen und der Auseinandersetzung mit meinem Inneren, statt nur im Außen zu sein.

Als ich anfing, mir diese Komplexität zu erlauben, Interessen und Entwicklungen, die man vielleicht nicht erwartet, fand ich mehr zu mehr selbst als jemals zuvor. Ich starb innerlich 1000 Tode, jedes Mal, wenn ich etwas Neues versuchte. Es fühlte sich so oft „falsch“ an, weil es außerhalb meiner Regeln lag, die ich für mich und meine Identität geschaffen hatte. Mein Verstand war komplett dagegen, aber mein Herz und mein Bauchgefühl wollten in eine andere Richtung steuern.
 

Ich ließ neue Menschen in mein Leben, die ebenfalls ziemlich viele meiner alten Regeln als überholt entlarvten. Allen Unsicherheiten zum Trotz, entschied ich mich gegen die Ängste und vertraute meinem Gefühl. Auch für diese komplexen, tiefen Verbindungen zu meinen Weggefährt:innen fand Tobias passende Worte, die meine Gefühle ausdrücken konnten, lange bevor ich sie selbst verstand. Und für all diese Erkenntnisse und Aha-Erlebnisse bin ich dankbarer als ich es gerade ausdrücken kann.
 
„Ich seh keine Zukunft ohne deine Gegenwart
Weil das hier alles ohne dich kein Leben war
Es hat zwar geatmet und gut funktioniert
Doch ohne dich ist es eigentlich nichts wert.“

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