Notfallpläne gegen Isolation

Erstmals als Gastbeitrag erschienen, am 9.1.2023 auf dernachtwind.de

Regen am Fenster

Die Reihe „Sich überleben“ im Nachtwind-Blog hat mich motiviert, ebenfalls ein paar Gedanken und Methoden zu teilen.
 

Mit einer befreundeten Künstlerin sprach ich kürzlich über Einsamkeit und Isolation. Ein Thema, das mich selbst und auch mein nahes Umfeld immer wieder beschäftigt. da ich ganz aktuell wieder Phasen wahrnehme, in denen ich mich davor schützen muss, in alte Muster zu fallen und mich selbst zu isolieren, möchte ich diesen Beitrag noch einmal teilen und ihm auch hier – zur Erinnerung für mich selbst – einen Platz geben.
 
Viele Künstler:innen brauchen Zeit allein, um fokussiert an ihrer Kunst arbeiten zu können. Auch zum Auftanken von Energie kann es gut sein, Zeit für sich und Regeneration einzuplanen. Die Grenze zwischen selbstgewählter, qualitativ hochwertiger Me-Time auf der einen Seite und lähmend, belastender Isolation auf der anderen Seite sind fließend. Der Eindruck, allein auf der Welt und irgendwie disconnected zu sein, kann sehr weh tun. Manchmal bemerkt man erst mittendrin, dass man diese Grenze bereits überschritten hat und der Weg zurück ist nicht immer leicht.
 
In einer akuten Phase von Isolation kann es ziemlich schwerfallen, sich zu erinnern, dass man nicht allein ist. Im besten Fall hat man Menschen, die helfen können, aber wenn um einen herum alles düster wird, ist es nicht immer leicht, sich daran zu erinnern. Die Hürde wird größer und der Abstand seit dem letzten Kontakt wird länger. So kann sich Isolation verfestigen und es mit der Zeit immer schwerer machen, sich selbst wieder aus diesem Tunnel herauszuarbeiten.
 
Es mag sich merkwürdig anfühlen, sich auf eine Krise vorzubereiten, wenn es gerade doch gut läuft. Auch ich möchte mich nicht so gern mit Krisen beschäftigen oder den Fokus auf etwas lenken, das hoffentlich nie passiert. Dennoch kann es eine große Hilfe sein, für den Fall der Fälle vorzusorgen.
 
Beth Pickens widmet dem Thema Isolation ein ganzes Kapitel in Ihrem Buch „Make your art, no matter what“, welches ich sehr empfehlen kann. Sie drückt es an einer Stelle wie folgt aus: „Use your stronger self to help your struggling self.“
 
Im besten Fall benötigt ihr folgende Ideen niemals, aber ihr habt die Sicherheit eines Auffang-Netzes, solltet ihr es jemals brauchen… Das allein kann schon sehr entlastend sein.

Notfallkontakte:

Wer sind die Menschen, mit denen ihr euch selbst dann wohlfühlt, wenn es euch schlecht geht? Wer bringt euch zum Lachen? Wer gibt euch Sicherheit? Mit wem könnt ihr ehrlich sein?
 
Notiert diese Menschen auf einer Liste und gebt ihr einen Platz, an dem ihr sie immer findet. Am Schreibtisch, in der Innenseite eures Kleiderschranks, in einer Schublade oder dauerhaft sichtbar an einer Wand… völlig egal. Wichtig ist nur, dass ihr im Notfall genau wisst, wo ihr sie habt. Ihr könnt sie auch digital zusätzlich bei euch haben, für unterwegs.
 
Informiert diese Menschen darüber, dass sie eure Notfallkontakte sind, und sagt ihnen, was ihr euch in einem solchen Fall von ihnen wünscht. Wie können sie euch unterstützen? Mir z.B. hilft eine tägliche Nachricht, um sicher zu sein, dass ich mindestens einmal pro Tag in Kontakt mit der Person bin. Von einer anderen Freundin bekomme ich regelmäßig lustige Memes, die mir zeigen, dass sie weiterhin da ist und an mich denkt. Menschen, die in der Nähe wohnen, sind für Spaziergänge gut. So kann ich sicherstellen, dass ich zumindest 1x am Tag richtige Kleidung anziehe und das Haus verlasse, um nicht durchgehend in Schlafklamotten zu versumpfen. Erst in dieser Woche war diese Vorsorge tatsächlich wieder nötig und ich bin sehr dankbar für spontane „Hunderunden“, die mir beim Start in den Tag helfen.
 
Für euch können die Details unterschiedlich sein. Aber notiert euch diese Menschen, sprecht mit ihnen und macht die Ergebnisse sichtbar, für den Fall der Fälle. Je schlechter es euch geht, desto weniger Bezug habt ihr evtl. dazu, dass es sie gibt und was ihr von ihnen braucht. Vorsorge hilft hier sehr für den Fall, dass die Worte irgendwann fehlen.
 

Routinen und Accountability Buddies:
 

Welche Routinen habt ihr aktuell, die euch wichtig sind? Gibt es tägliche Aktivitäten, die etwas Struktur in den Tag und euch aus dem Haus bringen, wie z.B. einen Mittagsspaziergang? Solche Routinen ggf. auch schriftlich mit sich selbst zu vereinbaren, kann hilfreich sein, um sie in schlechten Phasen nicht einreißen zu lassen. Wenn wir Menschen davon erzählen, können sie uns daran erinnern, damit die Routine nicht wegbricht.
 
Ich selbst hatte vor einigen Monaten ein Problem mit meiner morgendlichen Schreibroutine, die mir sehr dabei geholfen hat, in den Tag zu starten. Als ich merkte, dass ich es allein nicht mehr gut hinbekomme, suchte ich mir einen Accountability Buddy – also eine Person, die mich an meine Vereinbarungen erinnert, sodass ich sie wirklich einhalte. Anderen gegenüber fühlen wir uns oft stärker verpflichtet als uns selbst, daher kann man sich hiermit gut austricksen.
 
Eine Freundin, von der ich wusste, dass sie Frühaufsteherin ist, wünschte mir täglich einen guten Morgen und fragte kurz, ob ich schon geschrieben habe. Anfangs klappte es nicht immer, aber so hatte ich einen Reminder und konnte das Schreiben notfalls nachholen. Mit der Zeit wurde es immer besser, auch ohne ihre Erinnerung. Das hat mir doppelt geholfen, in einer Phase, in der ich nicht gut auf mich geachtet habe. Ich konnte jeden Morgen mit einem liebevollen Kontakt und mit einem Erfolgserlebnis beginnen, weil ich meine Routinen einen weiteren Tag geschafft hatte.

Halde Haniel Bottrop

Regelmäßige Verabredungen:

 
Feste Termine, die mit persönlicher Interaktion zu tun haben, können in Isolationsphasen als Schutzmechanismus dienen. Gerade, wenn es Aktivitäten oder Menschen sind, die wir sehr gern haben, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass wir absagen.
 
Für mich war ein wöchentlicher Serienabend mit zwei Freund:innen ein wichtiger Termin, da wir uns ansonsten kaum gesehen haben. Dieser fand in meiner Wohnung statt und ich habe es über die Jahre nur sehr selten über’s Herz gebracht, diesen Termin abzusagen. Und auch nur, wenn es wirklich nicht anders ging. Als Vorsorge-Maßnahme ist es gut, sich bewusst zu machen, welche Termine und Kontakte uns so viel bedeuten, dass wir sie auch in schlechten Zeiten verteidigen.
 
Das kann ein wöchentlicher Spaziergang mit jemandem sein; ein Sport- oder VHS-Kurs, der uns Freude macht; diese eine Veranstaltungsreihe, die wir monatlich besuchen oder ein Café-Date mit uns selbst und einem guten Stück Kuchen, nach der Therapie.
 
Wichtig ist, dass es echte, zwischenmenschliche Kontakte beinhaltet und nicht nur per Zoom oder per Chat stattfindet. Digitale Kommunikation löst uns nicht aus der Isolation und dem Disconnect-Gefühl, sondern verstärkt es in manchen Fällen sogar zusätzlich. Das ist vermutlich noch mal einen eigenen Artikel wert und würde hier jetzt zu weit führen.
Bis dahin: Sorgt heute für morgen vor und entwickelt ein paar Notfall-Strategien. Auch wenn ich uns wünsche, dass wir sie möglichst selten brauchen werden.
 
Passt gut auf euch auf.

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