Morning Pages

Selbstgespräche auf Papier

Heute vor einem Jahr habe ich zum ersten Mal „Morning Pages“ ausprobiert, nachdem mir die Methode mehrfach empfohlen wurde. In Kurzform geht es darum, jeden Morgen damit zu beginnen, als erstes drei Seiten zu schreiben. Egal worüber und was immer gerade für Gedanken im Kopf sind. Drei Seiten handschriftliches Schreiben. Eine Idee dahinter ist, ein ehrliches Selbstgespräch mit sich selbst zu führen, ohne dass Ego, Selbstdarstellung oder Kontroll- und Kompensationsmechanismen am Steuer sitzen. So kann ein Austausch mit inneren kritischen Stimmen entstehen, die hier auch zu Wort kommen und reflektiert werden können.
 
Ich kenne und schätze durchaus verschiedene Formen von „therapeutischem Schreiben“, um bestimmte Erfahrungen zu verarbeiten oder sich Ballast „von der Seele zu schreiben“. Trotzdem bin ich kein Fan von Tagebüchern und hatte deswegen Bedenken bzgl. der Methode. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es mir etwas bringen würde und tat mich auch schwer mit der Idee, jeden Morgen etwas zu schreiben… Und überhaupt eine Routine für meinen Tag zu etablieren, weil Aufstehen und in den Tag finden ohnehin eine große Dauerbaustelle für mich war.
 
Mein Standard sah häufig eher so aus, dass ich gerädert aufwachte, keine Energie zum Aufstehen hatte und meinen Wecker unzählige Male weiterstellte. Danach war ich natürlich kein Stück ausgeschlafener, sondern noch kaputter und doppelt unzufrieden, weil ich so viel Zeit vergeudet hatte. Oder ich war zwar wach, konnte mich aber nicht motivieren aufzustehen und verdaddelte 1-2 Stunden sinnlos am Handy, indem ich wie in Trance durch Instagram-Feeds scrollte, um mich danach mit einer doppelten Portion Selbsthass aus dem Bett zu bewegen. Eigentlich starteten die meisten meiner Tage damit, mich komplett scheiße zu finden und mich zu fragen, warum zum Teufel ich es nicht anders hinbekomme, obwohl ich es gerne würde.
 
Der Vorschlag, diese „Morning Pages“ auszuprobieren, um eine Routine zu entwickeln, die mir beim Starten hilft, erschien mir also KOMPLETT ABSURD! Ich war sicher, dass das für mich nicht funktionieren würde und das wurde noch verstärkt, als es mir als „Meditation für westliche Kulturen“ vermittelt wurde. Meditation klang für mich zu spirituell und nach Räucherstäbchen, Klangschalen und Traumfängern. Ich war sowas von nicht im Boot und erinnerte mich an diverse Situationen, in denen mir jemand Entspannungsverfahren beibringen wollte, die außer Frust und Aggression eigentlich nichts auslösten. (Wenn mir in diesem Leben noch mal jemand autogenes Training oder progressive Muskelentspannung andrehen will, wird diese Person sich vermutlich in der gleichen Sekunde selbst entzünden und dann zu Staub zerfallen.)
 
Dementsprechend voreingenommen war ich, als es nicht mehr nur um eine Schreibroutine ging, sondern noch eine spirituelle Komponente dazukam. Ich war absolut sicher, dass alles daran Quatsch ist, wollte mir aber nicht die Blöße geben, es einfach abzulehnen. Also setzte ich mich heute vor einem Jahr zum ersten Mal mit einem Kaffee vor meine Tageslichtlampe und nahm mir einen halb auseinanderfallenden Notizblock zur Hand. Da ich sicher war, dass es ein einmaliger Testlauf wird, kam ein Notizbuch überhaupt nicht in Frage. Immerhin wollte ich nur einmal beweisen, dass es nicht funktioniert. Meine innere Wissenschaftlerin verbot mir allerdings lautstark, das Ergebnis schon vorwegzunehmen, ohne eine angemessene Prüfung. „Hypothesen müssen falsifizierbar sein“ ist ein Grundsatz wissenschaftlichen Arbeitens, also stellte ich meine Überzeugung auf die konkrete Probe.

Ich schrieb in der ersten Hälfte darüber, wie sicher ich war, dass mir das alles nichts bringen wird, aber gespannt bin, was passiert. Dabei notierte ich jede Störung in Klammern, wie z.B. das Wechseln der Musik, das Knibbeln an einem Fingernagel (wobei ich mich seit Ewigkeiten beim Tippen dieses Artikels wieder ertappt habe) und jede Spielerei mit meinem Kaffee. Es gab so viele Unterbrechungen und Störungen, dass ich nicht einen einzigen Satz am Stück schreiben konnte. Das fiel mir selbst auf und ich fing an darüber nachzudenken, woran das wohl liegen könnte. Dann bekam ich spontan einen Gedanken zu fassen, den ich weiterverfolgen wollte. Heute beschreibe ich dieses Phänomen mit losen Fäden, die ich im wilden Knäuel meiner Gedanken finde und geordnet aufwickle. Es war extrem spannend, weil sich in diesem Moment schlagartig etwas veränderte. Mein Schriftbild wurde ruhiger, die Störungen verschwanden fast vollständig und ich konnte mich auf diesen Gedanken konzentrieren und ihn geordnet, auf dem Papier, zu Ende denken.
 
Wenn ich heute auf diese Seiten schaue, haut mich diese Erfahrung immer noch um, weil sie so unvorbereitet kam. Mein Urteil war eigentlich schon gefällt und ich rechnete nicht damit, mich selbst zu überraschen. Statt der Person, die mir Julia Camerons Methode vorstellte, rückzumelden, dass ich sie erfolglos ausprobiert hatte, wollt ich jetzt unbedingt genauer herausfinden, was es damit auf sich hat. Ich konnte es nicht verstehen und musste dieser Sache genauer auf den Grund gehen.

Morning Pages

Ich kann stolz verkünden, dass ich diese Methode nun seit einem ganzen Jahr umsetze, mit allen Höhen und Tiefen, die bei Routinen wohl einfach dazugehören. Einbrüche in Krankheitsphasen brachten mich z.B. ein paar Mal an den Rand der Verzweiflung, weil ich dachte, ich hätte meine Routine verloren, die mir so wichtig war. Aber ich fand immer wieder zurück und kann mir Änderungen und Ausnahmen gut verzeihen, ohne den Impuls, alles sofort über den Haufen zu werfen.
 

Mal geht es leicht von der Hand, manchmal macht der Kopf nicht gut mit und findet keine Fäden zum Aufwickeln. Aber auch das ist ok. Die Kontinuität ist wichtig und den Platz für meine Gedanken im Tag zu haben, hilft mir sehr. Heute kann ich manche Gedanken und Sorgen verschieben, ohne dass sie mir komplett den Tag verderben, weil mein System sich darauf eingestellt hat, dass es diese Zeit für schriftliche Selbstgespräche gibt. Es gibt weniger interne Konflikte in meinem Kopf als vorher und das scheint mir der größte Gewinn für mich persönlich zu sein. Morgens als erstes zu sortieren, was gerade anliegt oder herauszufinden, dass ich gerade ungewöhnlich sortiert und zufrieden bin, hilft mir, fokussiert in den Tag zu starten. Und das mit einer wirklich guten Zuverlässigkeit.
 

In den ersten Wochen stand ich teilweise auch in der Nacht auf, wenn der Kopf so voller Gedanken war, dass ich sie sortieren musste. Ich konnte nicht schlafen und musste etwas loswerden, um dann noch einmal Ruhe finden zu können. Heute passiert das nur noch sehr selten, weil es eben diese feste Routine gibt und der Bedarf rundherum nicht mehr so ausgeprägt ist. Und ich liebe alles daran, wie sehr diese unscheinbar wirkende Methode mein Leben bereichert hat. Vor allem, weil ich mittlerweile immer öfter bereit bin, mich und meine Ansichten zu überprüfen und sie so zu formulieren, dass sie widerlegbar sind.
 

Nicht mehr davon auszugehen, dass mein erster Impuls der richtige ist, sondern genauer zu reflektieren, ist eine der Nebenwirkungen der Morning Pages. Dadurch lernte ich mich selbst, meine verschiedenen (kritischen) Anteile und Glaubenssätze besser kennen und kann mir besser auf die Schliche kommen, wenn ich wieder unbedacht etwas abwerte, nur weil ich es nicht verstehe. Auch diese schlechte Angewohnheit ist mittlerweile sehr viel weniger ausgeprägt als vorher. Dafür habe ich mein Notizbuch immer mit dabei und nutze es als Außenstelle meines Gehirns, weil ich viele Gedanken, Sorgen und Ideen dorthin auslagere. Bei Bedarf weiß ich dann, wo ich sie finde, aber ich muss nicht mehr alles griffbereit parat haben, was mich auch kognitiv ziemlich entlastet.
 

In diesem Jahr habe ich vier komplette Notizbücher gefüllt und einige lose Zettelwirtschaft der ersten 2 Wochen, bis ich entschied, wirklich am Ball zu bleiben. 😉 Insgesamt sind bisher knapp 1000 Seiten zusammengekommen, was ich ziemlich beachtlich finde. Gerade, weil ich mich eigentlich als eine Person wahrnehme, die eher schnell das Interesse an neuen Techniken und Hobbies verliert. DAS ist aber ein Thema für einen anderen Artikel, weil ich auch da mittlerweile eine ganz gute Klarheit dazu gefunden habe, woran das liegt. Auch dabei haben die Morning Pages sehr geholfen und ich hoffe, dass ich mit ihrer Hilfe noch mehr über mich erfahre und bessere Entscheidungen für mich treffen kann.

Morning Pages Notizbuch

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