Das Drucker-Orakel

Wenn ich erzähle, dass ich neulich etwas von meinem Drucker gelernt habe, klingt das wohl erstmal absurd und irgendwie war es das auch. Aber vor kurzem bin ich ganz unvorbereitet über etwas gestolpert als ich einen alten Drucker wieder startklar machte. Vermutlich hätte es mich an jedem anderen Tag nur genervt und mir wäre nichts Bemerkenswertes daran aufgefallen. In diesem Fall war es allerdings eine überraschende Zusatzlektion und Visualisierung für etwas, das ich an diesem Tag lernen durfte.

Mellas Arbeitszimmer

Zum Hintergrund: Mein Leben hat im letzten Jahr ziemlich große Veränderungen mit sich gebracht. Oder lasst es mich so ausdrücken: Ich habe einen Haufen Entscheidungen getroffen, die mich an diesen Punkt führten. Gefühlt habe ich alles, was ich über mich zu wissen glaubte, einmal auf den Prüfstand gestellt und ordentlich durchgeschüttelt. Ich habe mich als Person hinterfragt, mein Umfeld neu sortiert, unzählige neue Dinge gelernt, die ich kaum aufzählen kann und bin noch lange nicht am Ende. Ein paar wenige Grundpfeiler gibt es aber, die nie zur Debatte standen und das ist gut so. Ohne diese paar soliden Säulen, wäre ich vermutlich in all dem Chaos komplett auseinandergefallen.

 

Diese Sicherheit zu haben, z.B. über meine Partnerschaft, hat mir erlaubt, Neues auszuprobieren. Wer mich etwas näher kennt, weiß, dass Experimente und Risiken nur dann mein Ding sind, wenn sie mich nicht selbst betreffen. Mir ist meine Komfortzone schon wichtig. Ich weiß gerne, was ich tue und überlasse die meisten Dinge ungern dem Zufall. Im Kleinen habe ich trotzdem nie störrisch an dem festgehalten, was ich kannte, weil „haben wir immer so gemacht“ kein guter Ratgeber ist.
 

Daher gab es durchaus immer mal wieder etwas Anpassung und Ausflüge in neue Themengebiete, die mich zumindest eine Weile lang interessierten. (Hallo, unzählige Kurzzeit-Hyperfokus-Hobbies, wie z.B. mein Saxophon oder Seifen sieden!) Aber große Veränderungen waren eher mit Ablehnung verbunden. Gerade, wenn ich dafür hätte in mich hineinhorchen müssen, statt mich abzulenken. Mir war schon klar, dass etwas fehlt, aber im Grunde war alles andere so brauchbar, dass kein Leidensdruck da war. Ich konnte also immer ein paar kleine Pflaster auf die kleine Wunde kleben, hatte aber nicht den Eindruck, dass ich wirklich etwas Großes ändern müsste. Es lief ja alles…
 

Wahrscheinlich könnte das alles noch immer so vor sich hindümpeln und wäre ganz okay. Aber zum Jahresende 2022 habe ich dann die Entscheidung getroffen, dass es so nicht bleiben kann und einen Sprung ins Ungewisse gewagt. 2023 war dementsprechend ein ziemlicher Ausbruch aus dem alten System und ich fing an allen möglichen Stellen an mich zu hinterfragen, zu verändern und Neues (über mich) zu lernen. Eigentlich wollte ich „nur“ mal eben kurz auf die Bühne und ein paar lustige Geschichten teilen, um mich auszuprobieren.
 

Stattdessen ist mir „KUNST“ passiert und ich habe im Prozess so viel über mich selbst erfahren, dass ich noch immer in Teilen damit überfordert bin. Ich stolperte häufiger, als ich zählen kann und wollte oft einfach alles wieder hinschmeißen und rückgängig machen. Das ist bloß keine Option mehr, weil es mich so viel näher zu mir selbst gebracht hat und das ist gut. Aber es war auch anstrengend, schmerzhaft und vor allem unkontrollierbar durcheinander.
 

So sehr, dass ich zwischenzeitlich das Gefühl hatte, auch die sicheren und soliden Säulen in meinem Leben würden Schaden nehmen. Und um ganz ehrlich zu sein: Ich glaube, das haben sie auch zeitweise ein wenig, weil sich so viel verändert hat, dass neue Aushandlungsprozesse nötig wurden. Es war wichtig, Zeiten und Räume neu zu gestalten, sodass hierfür weiterhin Kapazitäten übrig sind, die in diesem Chaos oft weggefallen sind.
 
Das betrifft in meinem Fall Verbindungen zu Menschen, die mir viel bedeuten, aber auch Fähigkeiten und Eigenschaften, von denen ich sicher war, dass sie felsenfest zu mir gehören. Doch in all dem Umbau gab und gibt es Momente, in denen ich sogar daran zweifle, weil nichts mehr so funktioniert wie ich es gewohnt war.
 

Als die Frustration und Unsicherheit mal wieder unaushaltbar wurde, brauchte ich jemanden, der von außen auf diese Entwicklung schauen konnte. Also bat ich eine Person um Hilfe, von der ich sicher war, dass ich etwas Neues hören würde. Einfach, weil sich ihre Art die Welt zu sehen in manchen Details sehr stark von meiner unterscheidet. Etwas, das ich „früher“ eher vermieden hätte, weil es unbequem ist. Ich war an einem Punkt angekommen, an dem ich nur noch auf die Krisen schauen konnte und ich brauchte einen neuen Blickwinkel. Einen Impuls, auf den ich nicht auch schon alleine gekommen war. Eine Überraschung. Und die bekam ich auch – aus der Pädagogik.
 

Ich lernte, dass es bei Kindern gar nicht so selten ist, beim Erlernen neuer Fertigkeiten in bereits etablierten Bereichen zeitweise wieder zurückzufallen. Also dass z.B. die sprachliche Entwicklung ins Stocken geraten kann, wenn sie Laufen lernen. Eine Info, die mir irgendwo in den Tiefen meines Hirns wieder komplett verloren gegangen ist, obwohl ich irgendwann mal wusste, wie Synapsen gebildet werden und wie Neues lernen (und altes Verlernen) abläuft. Allerdings fehlte mir der Bezug dazu, dass das irgendetwas mit meiner aktuellen Lage oder Lebensrealität zu tun hat.
 

Dieser Impuls war daher wichtig, um zu begreifen, dass es durchaus sein kann, dass sich schon sichere Bereiche zeitweise verschlechtern, wenn der Fokus komplett auf etwas Neuem liegt. Aber (und auch das war gut zu hören), dass es mit der Zeit zurückkommt und es sehr viel leichter ist, schon einmal Gelerntes zu reaktivieren als komplett Neues zu erlernen. Fahrradfahren verlernt man nicht, sagt man ja und das ist wissenschaftlich auch belegt – wenn auch etwas komplizierter.
 

Das ist bei mir gerade der Fall und ich konnte an der Stelle wieder systemisch auf die ganze Sache schauen, weil ich etwas Abstand zum „Problem“ bekommen habe. Mit Durchatmen und etwas Abstand funktioniert auch mein Gehirn wieder besser. Es ist komplett plausibel, dass selbst kleinste Änderungen in einem System Auswirkungen an Stellen haben, die vorher keine wahrnehmbare Störung hatten. Und die sind nicht vorhersehbar. Etwas, wozu ich anderen Menschen gerne lange Referate halte, aber es nicht mehr griffbereit habe, sobald ich selbst involviert bin. Und ein absolutes Träumchen für den Teil in mir, der gerne kontrollieren möchte, was passiert.
 

Und an DER Stelle kommt dann jetzt auch endlich der Drucker mit ins Spiel, von dem ich anfangs erzählte. Er war wohl der Meinung, es wäre gut, diese Erkenntnis käme auch noch mal über einen anderen Wahrnehmungskanal, um so richtig nachhaltig in meinem Gehirn verankert zu werden!
 

Ich ließ das Testprogramm durchlaufen, um zu sehen, ob alle Druckköpfe noch in Ordnung sind. Wie sich zeigte funktionierten drei von vier einwandfrei, während einer Probleme machte.

Übertragen auf mein Leben war der Cyan-Bereich also der mit der Störung, die ich beheben wollte, bzw. die Kunst, die jetzt neu dazu kam. Sie war noch nicht stark ausgeprägt, nur ein paar kleine erste Schritte. Auf den Drucker bezogen dachte ich: „Kein Problem!“ und wählte das Reinigungsprogramm. Einmal kurz säubern und schon sollte alles wieder laufen – dachte ich!
 

Nach dem Reinigungsprogramm sah das Ergebnis jedoch so aus:

Magenta machte auf einmal Probleme, wo vorher alles in Ordnung war. Ich war frustriert! Es war alles fast perfekt und ich wollte doch nur eine Kleinigkeit verbessern und nicht neuen Ärger haben. Bezogen auf mich symbolisiert Magenta hier mein persönliches Umfeld, das auf einmal ganz schön durcheinandergekommen ist und sich neu sortiert hat. Nicht alle sind geblieben oder konnten die Veränderungen mittragen. Das hat mich anfangs irritiert, aber ich konnte es akzeptieren. Der Rest war immerhin ok und da musste nichts dran gerüttelt werden.
 
Ich ließ das Reinigungsprogramm noch mal laufen. Das Ergebnis des dritten Durchgangs:

Ich fühlte mich RICHTIG verarscht! Vom Drucker UND meinem Leben.
 

Der neue Bereich war auf einmal prima, aber noch eine weitere (bisher) solide Säule ist auf einmal komplett weggefallen. In meinem Fall lief es auf der Bühne so gut und überhaupt im Kunstbereich, dass ich nicht mehr anders konnte als dranzubleiben. Das heißt nicht, dass alles einfach war, aber es war klar, dass diese Säule jetzt wohl fest dazugehört und ich sie nicht wieder aufgeben werde.
 

Parallel dazu bröckelte nicht nur mein Umfeld, sondern auch mein eigenes Selbstbild. Vieles, was ich lange für unumstößlich und für meine Persönlichkeit gehalten hatte, kam auf den Prüfstand. Mein „laut und lustig“-Anteil darf jetzt auf Bühnen stattfinden und hat privat oft Pause. Ich selbst brauche mehr Pause, Rückzug, tiefe Gespräche statt Blödsinn und insgesamt mehr Zeit, die sonst für andere übrig war. Auch das veränderte stark, wie (und in wen) ich meine Zeit investiere.
 

Zum ersten Mal seit ich mich erinnern kann, fing ich an, mich EHRLICH mit mir selbst zu beschäftigen. Also nicht nur mit den Teilen, die ich mag, sondern auch mit dem Rest, den ich die meiste Zeit lieber nicht so genau sehen wollte. Dass ich erst mit fast 40 verstanden habe, dass mein Gehirn anders tickt und ich mich mein Leben lang nicht um meine eigenen Bedürfnisse gekümmert habe, ist hier ein ziemlich großer Brocken, an dem ich weiterhin arbeite. Und es war klar, hier muss mehr passieren als ein Mini-Reinigungsprogramm, das schnell den gröbsten Dreck beseitigt (oder ein kurzer Urlaub, nachdem man sich einbildet, alles sei wieder ok). Seit einigen Monaten ist also auch Psychotherapie wieder ein wichtiges Thema, um mich wirklich aufzuräumen.
 

Mein Drucker hat den aktuellen Stand im nächsten Testlauf dann folgendermaßen festgehalten:

Das ist eine ziemlich treffende Darstellung davon, wo ich mich gerade nach einem Jahr Kunst sehe.
 

Der schwarze Bereich ist wohl meine Partnerschaft. Sie ist der Inbegriff von Stabilität für mich und das Fundament, auf dem ich die ganzen Veränderungen der letzten Jahre überhaupt aufbauen und aushalten konnte. Hier hat sich wenig bis nichts verändert, weil wir eingespielt und daran gewöhnt sind, uns immer wieder neu aufeinander einzustellen, im Gespräch zu bleiben und uns zu zeigen, dass wir es gemeinsam hinbekommen wollen. Auch wenn es immer mal wieder schwer und anstrengend ist, hören wir nicht auf in uns zu investieren, weil wir es so möchten. Wir wünschen uns stabile andere Säulen im Leben des anderen und sind nicht daran interessiert, der Fixpunkt zu sein, um den sich alles dreht. Dafür bin ich enorm dankbar.
 

Kunst ist weiterhin ein wichtiger Teil für mich und nimmt viel Raum ein. Hier ist Bewegung und Unsicherheit dabei, aber auch ganz viel Liebe und Begeisterung. Auch mein Umfeld hat sich langsam aber sicher wieder gesetzt und ist an einem guten Punkt angekommen. Es gibt noch Arbeit zu tun, Menschen und Verbindungen, die sich erst (neu) finden müssen – aber hier ist viel Gutes passiert.
 

In Therapie sind erste Grundsteine gelegt und so langsam geht es an die Themen, die wichtig sind. Ich finde mich neu, entwickle Flexibilität in meinem Denken und Handeln, wo vorher nur starre Regeln waren. Die gibt es auch zum Teil noch, weil sie Halt geben und Struktur bieten. Aber ich bin nicht mehr in einem Korsett, das mich einengt, sondern kann freier entscheiden, wann ich wie handeln möchte. Und ich finde gerade heraus, wie und wer ich sein möchte, was zu mir gehört und was sich verändern darf. Hier ist noch extrem viel im Umbruch, vieles verstehe ich noch nicht, aber möchte weiter forschen und begreifen – während ich auch beruflich neue Sprünge wage.
 

Und während der Drucker gestern dann im letzten Durchgang endlich bei einem Ergebnis angekommen ist, das in allen Bereichen zufriedenstellend ist, werde ich noch weiterarbeiten. Ich bin zuversichtlich, dass die alten, sicher gelernten Bereiche alle wiederkommen und alles an die richtigen Plätze fällt. Die Vorstellung finde ich wunderschön, denn sie hinterlässt bei mir ein warmes Gefühl von Zufriedenheit und den Eindruck am richtigen Ort angekommen zu sein.

UND ich habe große Hoffnung, dass das Endergebnis dem Drucker widerspricht, denn ganz am Schluss, als alles endlich passte, war die Cyan-Patrone dann leer und ich möchte wirklich nicht, dass dieses Bild dann auch übertragbar ist! Ich lege schon mal einen Vorrat an und sorge dafür, dass „Kunst“ hier nicht mehr „ausgehen“ kann!

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