Watt sind eigentlich „Mellasachen“?

Mella Steckelberg, Macht Worte Poetry Slam Hannover, Faust, Fotograf: Matthias Stehr
Foto: Matthias Stehr, Hannover

Dieser Frage möchte ich auf den Grund gehen, weil ich es selbst nicht mehr weiß. Bis vor kurzem war ich sicher, mich ganz genau zu kennen. Es gab feste Regeln dafür, was zu mir gehört und was nicht. Was nicht passte, wurde nicht „passend gemacht“, sondern einfach kategorisch abgelehnt, weil Komplexität anstrengend ist. Meine Komfortzone war ziemlich gemütlich, bis es mich runter vom Sofa und rauf auf die Bühne zog. Seitdem ist nichts mehr wie es vorher war.
 

2023 war eine große Herausforderung, weil sich mein Bauchgefühl und mein Regelwerk immer öfter widersprachen und ich anfing, Risiken einzugehen und Neues zuzulassen. Eine Phase voller Veränderung, innerer Widerstände, Unsicherheit und Identitätskrisen – aber auch voller neuer Erkenntnisse, Gefühle und Freiheiten, die ich nicht missen möchte. Dieser Prozess ist noch längst nicht abgeschlossen und eine spannende Reise zu mir selbst, die ich hier dokumentieren möchte.
 

Wenn Aristoteles Recht hat und das Ganze mehr ist als die Nummer seiner Teile, wäre es ein guter Anhaltspunkt, zu wissen, wie viele es eigentlich sind. Sollte die Zahl am Ende 42 und damit die Antwort auf alles sein, wird dazu wohl ein Artikel fällig. Ganz so komplex bin ich dann am Ende aber vermutlich auch nicht.
 

Eigentlich wollte ich „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ zu meinem offiziellen Motto machen, unter dem ich hier in nächster Zeit in meine Tastatur denke. Um meine Geschichte zu erzählen und langsam und schrittweise dahinterzukommen, wer genau ich eigentlich bin.
 

Ein Titel, unter dem ich euch daran teilhaben lassen möchte, wie sich mein Denken und meine Haltung zu mir selbst verändert. Es könnte so schön sein, weil es sehr gut fasst, was mich beschäftigt. Weil es ein Augenzwinkern beinhaltet (und ich ohnehin nie so richtig ernst bleiben kann) und weil es Zwiespalt und Zerrissenheit beschreibt. Es wäre im Grunde der perfekte Titel für diesen Blog. Gäbe es da nicht einen gravierenden Haken…

Mella Steckelberg Mellasachen Collage

Es ist ein Zitat von Richard David Precht und ich möchte ziemlich doll verhindern, dass man denken könnte, er wäre eine Quelle der Inspiration für mich. Um ehrlich zu sein, konnte ich vielen seiner Gedanken früher mal etwas abgewinnen und ich bin sehr empfänglich dafür, wenn Menschen, die ich für sehr klug halte, Dinge sagen, die mich in meinem Denken weiterbringen. Damals gefiel es mir sehr, wenn jemand mit einem akademisch ausgefeilten Vokabular unterstreichen konnte, was ich ohnehin schon für „richtig“ hielt. Aber so, dass es unfassbar schlau und eindrucksvoll klingt, weil viele dann nicht widersprechen (können).
 

So wollte ich früher auch mal sein. Ich war eine Klugscheißerin aus Prinzip, unerbittlich und anstrengend in Diskussionen. „Recht bekommen“ war ein wichtiger Anspruch, den ich in der Regel auch umsetzen konnte. Rückblickend bin ich sicher, dass Recht „bekommen“ und „Recht haben“ manchmal weit auseinanderlagen, aber ich fand mich ziemlich clever dabei. Diese Haltung ist einer der Gründe, warum ich deutlich mache, dass Richard David Precht für mich keine Inspiration oder ein Vorbild ist – zumindest kein positives.
 

Allerdings hilft er mir dabei, darauf zu schauen, was mir heute wichtig ist und dass es mir nicht darum geht, mich als allwissend zu präsentieren. An Precht kann ich ganz gut erkennen, wohin es mich nicht zieht und dass ich mit Sokrates Haltung „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ sehr viel besser fahre. Vor allem, weil es Fortschritt und Austausch fördert, statt Stillstand. Mir geht es um Lernen und Veränderung, um Verbindung und gemeinsame Entwicklung.
 

Meine frühere Haltung dazu ist nichts, was ich an mir besonders mag. Dennoch kommt sie immer mal wieder durch und klopft an, weil sie noch irgendwo in meinem Hinterkopf wohnt. Auch das gehört für mich gerade zum Prozess dazu. Dort hinzuschauen, wo es dunkel ist und ich lieber kein Licht hinlassen möchte, und an die Stellen zu gehen, die mir unangenehm sind. Darüber habe ich lieber eine Decke geworfen, wie über einen Vogelkäfig, damit die Piepmätze einschlafen. Das Bild ist gut, weil es sehr deutlich macht, was ich sagen möchte. Zeitgleich habe ich ein Problem mit Vogelhaltung in kleinen Käfigen, wie sie in meiner Kindheit üblich war. 

Mella Steckelberg im Papageiencafè Bochum

Witzigerweise waren Tierrechte mein erster Berührungspunkt mit Richard David Precht. Unser gesellschaftlicher Umgang mit Tieren allgemein und der Konsum tierischer Produkte im Speziellen wurde ein wichtiges Thema für mich, dem ich viel Zeit, Energie und Aufmerksamkeit widmete. Ich wollte wissen, was hinter den Kulissen passiert. Ich wollte nicht mehr einfach konsumieren, ohne die Zusammenhänge zu begreifen. Und je weiter ich forschte, desto mehr (ver-)zweifelte ich an mir, meiner bisherigen Haltung, unserer Gesellschaft und dem, was ich bis dahin für „richtig“ hielt. Durch die neuen Informationen konnte ich nicht mehr wegschauen und entschied mich für Veränderungen, um mich in meiner Haut wieder wohlzufühlen.
 

Auch über all diese Themen warf ich lange Zeit eine Decke, um nicht genauer darüber nachzudenken. Ganz diffus hatte ich schon damals den Eindruck, dass hier etwas nicht stimmt, aber ich wollte auf keinen Fall genauer hinschauen. Weil es einfacher war.
 
„Weil es einfacher ist“ treibt viele Entscheidungen an, die wir tagtäglich treffen. Möchte ich diesen Konflikt gerade wirklich austragen, oder halte ich lieber die Klappe? Gefällt mir eigentlich, was ich gerade tue, oder mache ich es für andere? Wie fühle ich mich selbst dabei und was brauche ich gerade? Ich nehme da ein Problem wahr, aber will ich das wirklich wissen? Wenn ich es nicht weiß, muss ich auch nichts unternehmen. Wenn ich genauer hinhöre und dann nichts verändere, könnte man es mir vorwerfen. Und ein Arschloch will ich natürlich auch nicht sein. Also vielleicht am besten nichts sehen, nichts hören und nichts sagen. Dann kann ich noch etwas länger in meiner Komfortzone bleiben. Vielleicht werfe ich einfach die nächste Decke über den Käfig, bis ich mich wieder gemütlich und friedlich einmummeln kann.

 

Der Witz an diesem Bild ist: Natürlich bietet ein Käfig Sicherheit und Orientierung. Ich kenne die Regeln, ich weiß, wo alles ist und von außen kann niemand rein, wenn ich es nicht möchte. Und wenn ich ihn mir selbst baue, fühlt er sich nicht mal wie ein Käfig an. Er ist schön und nach meinem Geschmack eingerichtet. Ich kann zwischendurch die Tür öffnen und einen kleinen Ausflug machen. Aber ich kann immer wieder zurück, wenn die große weite Welt da draußen mir nicht gefällt, das Wetter schlecht ist oder falls das Nest, das ich außerhalb gefunden habe, doch nicht so bequem ist, wie ich dachte.

Foto: Bas Brader

Am Ende ist und bleibt es trotzdem ein Käfig und dieser Blog wird, wenn ich dran bleibe, eine Dokumentation davon sein, wie häufig ich mich selbst eingesperrt und zugedeckt habe, um mich nicht verändern zu müssen. Um gefühlte Kontrolle und Sicherheit zu haben, ohne zu merken, wie viele Erfahrungen und Entwicklungsmöglichkeiten ich mir dadurch selbst genommen habe. Es tut gut, die Decken nach und nach herunterzuziehen, Licht und frische Luft reinzulassen, die Tür nicht mehr zu schließen und freier atmen zu können.

 

Nach und nach kann ich dort ausziehen, statt einfach nur in unserer Käfig-WG, die sich selbst Gesellschaft nennt (aber eigentlich Kapitalismus heißt) zu bleiben. Oder sie gegen den nächstgrößeren, schöneren Käfig zu tauschen, zu renovieren oder sich ein paar neue Spielsachen zu kaufen, die vor genauerem Hinsehen oder Langeweile schützen. Über kurz oder lang wird aber auch dieser wieder zu eng und die Überwindung geht von vorne los. Diesmal entscheide ich mich bewusst dazu, dass es anders läuft. Diesmal wird nicht nur umdekoriert, sondern wirklich umgezogen.
 

Umzüge kosten Zeit und Energie und so geht es mir gerade auch. Mein letzter Käfig ist extrem komfortabel eingerichtet und es fühlt sich noch immer unsicher an, mich dauerhaft außerhalb davon zu bewegen. Eine ganze Weile blieb ich mit einem Fuß darin stehen, weil die Angst zu groß war, dass mir sonst der Halt fehlt. Als ich mich heraus traute, hielt ich jederzeit Sichtkontakt, um sicher zu sein, dass ich dort wieder Zuflucht finden kann. Aktuell vergrößere ich den Abstand und erlaube mir, mich schrittweise weiter zu entfernen, auch wenn ich weiß, dass er in meinem Rücken noch da ist.
 

Ich traue mich, völlig neue Räume zu entdecken. Offene Spielwiesen, ohne Regelwerke und Verbote. Zugänglich von außen und so, dass man sie teilen und gemeinsam gestalten kann. Mit flexiblen Grenzen und einem Willkommens-Schild, statt Maschendrahtzaun und „Den Rasen nicht betreten!“-Schildern. Ihr seid hier gern gesehen. Bleibt so lang wie ihr mögt und euch wohlfühlt. Betretet den Rasen. Lasst die Schuhe an. Ihr habt die freie Platzwahl…

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