Get Up, Stand Up

Mein erstes Mal: Runter vom Sofa, rauf die Bühne

Mella Steckelberg Stand Up Comedy Hannover
Candid Comedy Hannover (ehem. Stand up Comedy Hannover)
Mella Steckelberg Poetry Slam Weststadtstory Essen
Weststadtstory, Foto: Ben Mischke

„Comedy ist meine Midlife-Crisis und ihr seid meine Selbsthilfegruppe für heute. Schön, dass ihr da seid!“ So in etwa, beginne ich aktuell meine Auftritte und jedes Wort daran ist wahr. Ich möchte euch heute ein bisschen mitnehmen, wie es dazu überhaupt kam und warum ich damit nicht wieder aufhöre.
 
Im Dezember 2023 stand ich – mit 38 – zum ersten Mal auf der Bühne. Schon mit 15 wollte ich das tun und war der Meinung, dass ich darin richtig gut wäre. Der Haken? Ich traute mich nicht und hab die Idee über die Jahre immer mal wieder verworfen. Was, wenn es nicht klappt? Was, wenn ich nicht gut bin? Was, wenn ich mir das nur einbilde und mich die Realität dann einholt?
 
Da waren eine Menge Fragen und Unsicherheiten, denen ich mich nicht stellen wollte, also hab ich es gelassen. Wie so oft hatte ich Schiss vor meiner eigenen Courage und fand unzählige Gründe, warum es gerade nicht passt und keine gute Idee wäre.
 
Noch kurz davor war ich sicherer denn je, dass ich den Plan einfach beerdigen sollte, um damit endlich Frieden zu haben. Frieden ist spannend in dem Zusammenhang, weil ich immer wieder das Gegenteil davon erreichte, wie ich heute weiß. „Was wäre wenn“-Fragen können extrem quälend sein und lähmen, wenn sie nicht beantwortet werden. Und so kam es dann, zum Glück, doch anders.
 
Mein Mann entdeckte zufällig ein Plakat für ein Comedy OpenMic in Bochum und fragte, ob ich mir das nicht mal anschauen möchte. Also saß ich kurze Zeit später in diesem Laden und hatte diverse Momente, in denen ich mich selbst sehr viel lustiger fand als die Menschen, die sich beteiligten. Der Haken an der Sache? Ich hatte diese lustigen Beiträge nur IM KOPF und traute mich an keiner Stelle, wirklich in Aktion zu treten. Auch dann nicht, als klar war, dass es zwei freie Spots gab und ich mich spontan hätte beweisen können. Meine Ängste waren sehr viel größer als meine große Klappe.
 
Tatsächlich hielt es mich nicht davon ab, Urteile darüber zu fällen, wie gut oder schlecht die Beiträge derer waren, die sich wirklich trauten. Und DAS war der Moment, in dem ich mich selbst für so ein unangenehmes Arschloch hielt, dass ich etwas tun musste. Also schrieb ich direkt nach der Veranstaltung eine Nachricht ans Team, um beim nächsten Termin im Januar dort mein Debüt zu geben. Ich wollte mein Großmaul auf die Probe stellen und mein Karma wiederherstellen.

Mella Steckelberg Poetry Slam Weststadtstory Essen
Weststadtstory, Essen, Foto: Fotowikinger
Mella Steckelberg Stand Up Comedy Fährmann Duisburg
Seemannsgarn Comedy, Fährmann, Duisburg

In meinem Umfeld gab es zu der Zeit noch Menschen, die sehr verurteilend waren. Eine Eigenschaft, die ich selbst hochgradig unangenehm finde und schlecht aushalten kann. (Hach, Projektion. Spannend, für einen späteren Artikel!) Ich war in diesem Moment keinen Deut besser und das wollte ich so nicht stehenlassen. Um diesmal nicht zu kneifen, erzählte ich meinem Freundeskreis davon. Allerdings hatte ich nicht eingeplant, dass alle daraufhin vorbeikommen wollten!
 
Ein erstes Mal vor Freunden und Bekannten? Das wollte ich AUF GAR KEINEN Fall! Also musste ich flüchten und googelte nach OpenMic-Terminen im Dezember, um es hinter mich zu bringen, bevor ich es mir anders überlegen konnte! Überraschenderweise fand ich spontan in Hannover die beste Option und war überhaupt nicht darauf gefasst, dass es dort eine große und sehr aktive StandUp-Szene gibt. Da ich Hannover nur mit absoluter Langeweile und Irrelevanz in Verbindung brachte, fand ich es überraschend, aber auch plausibel. Wenn jemand etwas zu Lachen brauchte, dann Hannover! 😉
 
An Hannes Wendt kommt man nicht vorbei, wenn man in der Region auftreten möchte. Zum Glück muss man das auch gar nicht, weil er ein guter Host ist und auch für Debüts sehr offen ist. Es ist immer ein Risiko, weil man natürlich nie weiß, ob die neuen Auftretenden auch wirklich unterhaltsam oder eine absolute Pleite sind. Dementsprechend dankbar war ich, dass er sich auf dieses Experiment einließ und ich mich auszuprobieren durfte.
 
So stand ich im Dezember das erste Mal an einem Mikrofon, hatte keinen Schimmer, was ich da tue und war unendlich aufgeregt. Noch am Bahnhof war ich unsicher, ob ich in diesen ICE überhaupt einsteigen sollte und auch vor Ort war ich nicht die gleiche Person wie sonst. Ein langjähriger Freund nahm mich in Empfang und war sichtlich besorgt darüber, WIE STILL ich in den Stunden vorher war. „Wer bist du? Und was hast du mit Mella gemacht?“ fiel an diesem Tag mehrfach und ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen und fühle die Aufregung direkt wieder.
 
Ich habe mich lange als Kontrollfreak und Perfektionistin beschrieben und mache mir das Leben damit immer wieder unnötig schwer. Üblicherweise gehe ich keine Risiken ein, die ich nicht überblicken kann und setze mich keinen Situationen aus, die zu viele Unwägbarkeiten mit sich bringen. Auch bei Jobs oder Lehraufträgen blieb ich meist sehr nah an meiner Expertise, um sicher zu sein, dass ich auch meinem eigenen Anspruch gerecht werden kann. „Ganz oder gar nicht“ war meist die Devise und damit fuhr ich lange sehr bequem, weil ich mich nur selten (und nicht weit) aus meiner Komfortzone herausbewegen musste.

Was die Bühne betrifft, fand ich meine persönliche Insel, die davon weitestgehend frei ist. Nicht, dass ich hier keinen Anspruch hätte oder Sorgen zu versagen, aber ich traue mich zu improvisieren, Kontrolle abzugeben und zu schauen, was passiert. In einem Raum voller Menschen, die ich nicht kenne oder einschätzen kann, mit persönlichen Geschichten und entwaffnender Offenheit über meinen persönlichen Bullshit.
 
Und so entschied ich mich, spontan darüber zu sprechen, wie viel Angst mir erste Male machen, wie ich dort gelandet bin und warum alles daran eigentlich eine Katastrophe ist und ich es TROTZDEM mache.
 
Tatsächlich ist der Part mit der „Selbsthilfegruppe“ gar nicht so weit hergeholt, denn auf der Bühne traue ich mich über Dinge zu sprechen, die ansonsten hinter einem Selbstschutzpanzer verborgen sind. Durch diesen Schritt traue ich mich immer mehr, auch mit selbst gegenüber offen zu sein, um mich nicht damit beschäftigen zu müssen, dass ich Gefühle und Ängste habe.
 
Diese neue Offenheit in Kombination mit Humor ist wohl ein Puzzleteil in meinem Leben, von dem ich nicht wusste, dass es mir fehlt. Aber seit ich es gefunden habe, fühle ich mich vollständiger als jemals zuvor. Vieles ist komplizierter geworden, weil ich jetzt nicht mehr wegschaue, sondern mich mit mir befasse, weil ich ehrlicher mit mir und anderen bin und weil die (emotionale) Komplexität, die ich jetzt zulasse, ganz schön herausfordernd ist.
 
Diese neue Offenheit führt dazu, dass auch mein Umfeld sich verändert und offener über Gefühle und Bedürfnisse spricht. Offenheit ist ansteckend und diese Erfahrung mache ich aktuell immer wieder. Egal, ob auf der Bühne, in Backstages, beruflich oder privat. Und so schwer es manchmal ist, will ich diese Entwicklung für nichts auf der Welt wieder aufgeben. Weil sie mich erdet und mir immer wieder zeigt, dass ich hier genau richtig bin.

Ich startete in zwei verschiedenen Formaten parallel und die wichtigste Erkenntnis hatte ich, nach meinem ersten Poetry Slam-Auftritt bei der Weststadtstory in Essen. Nach diesem zweiten Bühnenabend fragte mich mein Mann, an was ich gerade denken würde.

 
Ich lag auf dem Bett, schaute an die Decke und musste über die Frage länger nachdenken. Häufig rede ich erst und denke im Anschluss daran. Hier hatte ich überraschenderweise wirklich keine schnelle Antwort. Mein Kopf war komplett leer und da waren keine 10 Stimmen und innere Kritiker, die mich gleichzeitig anbrüllten, was ich alles schlecht gemacht hatte. Ich war komplett ruhig, entspannt und hatte keine Gedanken zu irgendetwas. Das war absolut neu für mich.
 
„Ich denke grade an absolut gar nichts! KRASS! Ich glaube, so fühlt sich Zufriedenheit an!?“​

Immer wieder stolpere ich über mich selbst und muss mich regelmäßig überwinden, nicht in alte Denkmuster zu verfallen. Längere Bühnenpausen befeuern wieder die inneren Zweifel und Unsicherheiten, aber das ruhige Gefühl, das sich nach Auftritten einstellt, ist einfach viel zu gut.
 
„Inneren Frieden“ habe ich für absoluten Quatsch und eine Erfindung der Esoterik- und Coaching-Industrie gehalten. Entspannungsübungen haben mich WÜTEND gemacht, weil ich absolut nicht in der Lage war, den Kopf abzuschalten und innerlich zur Ruhe zu kommen. Aber tatsächlich ist das wohl doch möglich. Deshalb werde ich einfach nicht mehr aufhören, euch auf Bühnen meine Geschichten zu erzählen und mich Stück für Stück selbst besser kennenzulernen.
 
Oder auf dieser Seite, in meinen Artikeln. Denn auch hier gilt: „Ihr seid meine Selbsthilfegruppe für heute. Schön, dass ihr da seid!“

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