Spickzettel

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe in meiner Schulzeit häufig Spickzettel geschrieben. Benutzt habe ich sie fast nie, aber ich war immer vorbereitet und wusste, wo er ist, falls ich einen Blackout habe. Also notierte ich Dinge, die ich schon gelernt hatte, aber die im Stress wieder untergehen und mir dann einfach nicht mehr einfallen wollen.
 
Der Zaubertrick hinter solchen Spickzetteln ist oft, dass allein schon das Schreiben hilft, die Inhalte noch mal zu festigen. Die Überlegung, wie ich die Inhalte dafür möglichst kurzfassen kann, ist ja Wiederholung und die hilft beim Erinnern und unterstützt auch die Abrufbarkeit der Inhalte. Wenn jemand sehr bildlich denkt, lässt sich sogar der Spickzettel im Kopf abrufen und einfach noch mal nachlesen, ohne ihn zur Hand zu nehmen – weil ich weiß, was wo auf dem Zettel stand.
 
Was für Prüfungen ein allgegenwärtiges Thema ist, wird im Alltag oder im Berufsleben oft unterschätzt oder komplett vergessen. Auch hier lernen wir im besten Fall immer wieder Neues und brauchen Zeit, um Wissen oder Fertigkeiten zu festigen und souverän anzuwenden. Neues braucht anfangs mehr Zeit, weil die Übung fehlt und Abläufe noch nicht etabliert sind.
 
Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht besonders gerne Auto fahre, aber Fahrunterricht ist trotzdem ein gutes Beispiel, weil es eine Weile dauert, bis nicht mehr alle Konzentration für das Schalten und die Bedienung der Pedale draufgeht. Irgendwann sind die Abläufe klar und man denkt nicht mehr darüber nach. Aber dafür braucht es eben Anwendungsgelegenheiten und Übung.
 
Im letzten Jahr habe ich privat so viel Neues gelernt, dass es ganz schön viel durcheinandergebracht hat. Und irgendwann habe ich mich ein bisschen über mich selbst geärgert, weil ich zwar lernte und lernte und lernte. Aber ich hatte den Eindruck, dass das meiste sofort wieder verpufft und nicht hängenbleibt. Vieles war nach einem kurzen eindrucksvollen AHA-Moment und einem Eintrag in mein Notizbuch schon wieder weg und ist nicht nachhaltig in meinem System angekommen.

Spickzettel Armband

Das wollte ich verändern und Inhalte für mich haltbar machen. Und an der Stelle erinnerte ich mich, wie viel ich in meiner Zeit an der Uni über die Sicherung von Lerntransfer gelernt, gelehrt und geforscht habe. Bei Trainings oder Workshops ist es für mich z.B. selbstverständlich, auch darüber nachzudenken, wie ich Möglichkeiten für die Teilnehmenden schaffen kann, um sich an das Gelernte zu erinnern. Für andere hatte ich dieses Thema also schon griffbereit, aber bis dahin war ich nicht auf die Idee gekommen, dass es auch in meinem persönlichen Alltag hilfreich sein könnte.
 
Ein Klassiker, um sich selbst an etwas zu erinnern, sind Notizen zu Hause, die man immer wieder sieht – z.B. am Badezimmerspiegel. Eine weitere Methode, die ich sehr mag, sind kleine Infotafeln im Checkkarten-Format. Sie sind praktisch und man kann sie immer griffbereit dabeihaben, z.B. für Notfallnummern, Merksätze, Abläufe oder Eselsbrücken. Im Grunde also auch Varianten von Spickzetteln. Für die Inhalte, an die ich mich erinnern wollte, kam beides aber leider nicht infrage, weil ich in stressigen Momenten nicht daran denke, diese Spicker aus der Tasche zu holen.
 
Ich wollte mich z.B. daran erinnern, weniger impulsiv zu reagieren und durch eine bestimmte Atemübung langsamer in meinem Denken und Handeln zu werden. Die Hürde, dafür erst noch etwas aus meiner Tasche holen zu müssen, kam also nicht infrage. Ich brauchte etwas, das dauerhaft sichtbar ist und das ich ggf. auch aus dem Augenwinkel immer wieder sehe, ohne dass ich es akut brauche. Im Grunde ein „Unterwegs“-Version von den Zetteln am Spiegel und so ist mein „Spickzettel-Armband“ entstanden, das ich mittlerweile in der dritten Evolutionsstufe trage.

Ich nutze kleine Schiebeperlen, die ich selbst mit den Stichpunkten bestücke, die ich bei mir haben möchte. So habe ich z.B. die Atemübung oder Impulse wie „Mood follows action“ und „Ask! What if it’s a Yes?!“ immer mit dabei. Was für andere selbstverständlich klingen mag, kann für mich einen großen Unterschied im Tag machen, weil ich bessere Entscheidungen treffe, wenn ich mich daran erinnere. (Besten Dank an Rich Roll und Beth Pickens an der Stelle.)
 
Im Alltag schaue ich immer mal wieder drauf und selbst, wenn ich das Armband mal kurzzeitig nicht trage, erinnere ich mich an die Inhalte, wenn ich auf mein Handgelenk schaue. Einfach, weil ich weiß, dass sie dort hingehören. Auch das ist also ein Spickzettel, den es im besten Fall gar nicht braucht, der aber für den Notfall absichert! Ich merke aber durchaus, dass die Pausen nicht zu groß werden dürfen, weil die Erinnerung dann wieder verblasst. Aktuell trage ich es daher wieder häufiger.
 
Falls euch die Idee gefällt, wünsche ich euch viel Spaß beim Nachmachen und erfolgreiches Spicken.

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