Von Mentor:innen

und Entwicklung wider Willen

Es gibt einen Haufen mehr oder weniger schlaue Sprichwörter, die ich in meiner Jugend oft gehört und verflucht habe. Eins davon war „Man hat schon Pferde kotzen sehen“. Damit ist gemeint, dass etwas zwar unwahrscheinlich ist, aber dennoch passieren kann und daher nicht komplett ausgeschlossen werden sollte.
 

Mir wurde der Spruch in einem Moment hingelegt, der mich unfassbar wütend machte. Mit diesem Satz wurde begründet, warum ich eine Entscheidung für mein Leben nicht so treffen durfte, wie ich es gerne wollte. Ich war volljährig und ich fühlte mich extrem sicher mit meiner Entscheidung und fand es eine absolute Frechheit, dass sich jemand anmaßte, mir in dieser Sache zu widersprechen. Wie sich später rausstellen sollte, war dieses Vorgehen absolut richtig für mich und hat mich vor Schaden bewahrt, den ich selbst überhaupt nicht abschätzen konnte.
 

Konkret ging es um eine Entscheidung, die mein Abitur betraf, von dem ich ebenfalls lange Zeit der Meinung war, dass ich es „NIEMALS“ machen würde. Eine Lehre, die mir mein Leben beigebracht hat, ist definitiv „Sag niemals nie!“, denn je vehementer ich mich wehre, desto wahrscheinlicher ist es am Ende dann doch eine gute Idee.
 
Nach einer abgebrochenen Ausbildung, einer Phase der Arbeitslosigkeit und ziemlich ätzender (Nacht-)Schichtarbeit in einer Fastfood-Kette, zog es mich dann doch zurück auf die Schulbank. Das Ziel war damals ein Fachabitur in Sozialwesen an einer Fachoberschule in Bayern (PARDON: Oberfranken. Packt die Mistgabeln und Fackeln wieder ein!). Eine Schulform, die es so in NRW nicht gibt, weshalb ich nach meinem Umzug in eine reguläre Oberstufe wechselte. Dort waren die Regeln etwas anders und ich war gezwungen eine zweite Fremdsprache zu belegen. Ein halbes Jahr Spanisch nachzuarbeiten lief nur mittelmäßig und für ein reines Fachabitur nach Klasse 12 wäre dieser Stress auch nicht nötig gewesen.
 

Ich las mich in gesetzliche Vorgaben ein und fand Möglichkeiten, da mir durch den Wechsel des Bundeslandes strukturell (zumindest theoretisch) keine Nachteile entstehen durften. Es gab die Option (in einer Versicherung an Eidesstatt) zu erklären, dass ich die Schule nach Klasse 12 mit dem Fachabitur verlassen werde. So war es ursprünglich geplant und man hätte mich ab dem nächsten Schuljahr offiziell von Spanisch befreien können. Dieses Schreiben akzeptierte mein damaliger Oberstufenleiter widerstandslos und dann kamen die Sommerferien.
 

Zum neuen Schuljahr erklärte er mir, dass er diese Regelung leider doch nicht umsetzen wird. Auslöser dafür waren drei meiner Lehrer:innen, die innerhalb kürzester Zeit mein Potenzial erkannten und mich vor mir selbst schützen wollten. Ich hätte mir die Chance auf ein gutes Abitur selbst genommen, weil ich so darauf fokussiert war, wie sehr mich dieser Kurs stresst. Ich wollte eine einfache, schnelle Lösung und fertig werden, ohne mich zusätzlich anzustrengen. (Durchaus ein Muster, dass mir in meiner Biografie immer mal wieder begegnet.)
 

Ich fühlte mich ungerecht behandelt, nicht ernstgenommen und war wirklich sauer, dass ich mich also doch weiterhin mit Spanisch herumquälen musste. Tatsächlich bin ich allen Beteiligten heute unendlich dankbar, weil sie mit ihrer Erfahrung einfach weitersehen konnten als ich. War diese Intervention übergriffig? Bestimmt! Aber rückblickend braucht es das manchmal vielleicht auch – ohne hier ein generelles Plädoyer für grenzverletzendes Verhalten abgeben zu wollen.
 

Ich wäre heute nicht da, wo ich persönlich und beruflich stehe, wenn dieser Eingriff nicht passiert wäre. Und NICHTS davon habe ich mir auch nur ansatzweise vorstellen können, weil ich mich selbst nicht sehen konnte. Ich war so sehr im Mindset „Arbeiterkind“ gefangen und hatte verinnerlicht, dass ich vor allem „faul“ bin und „alles auf den letzten Drücker“ hinschludere.
 

Die Vorstellung, überhaupt (als erste in der Familie) Abitur zu machen, fand ich schon abwegig genug. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass es so gut wird und ich außerdem zu einem Psychologiestudium fähig wäre. Nichts davon hätte ich über mich gelernt, wäre meine geplante „Abkürzung“ möglich gewesen. Und diese Lernerfahrung verdanke ich Menschen, die mehr an mich geglaubt haben, als ich es damals selbst konnte.
 

Für mich zeichnet genau das gute Mentor:innen aus, auch wenn ich sie mir nicht ausgesucht habe. Menschen, die in kritischen Phasen unterstützen, auch wenn ich mich mit Händen und Füßen (bzw. sehr lautem und losem Mundwerk) dagegen wehre. In meinem Leben sind die wichtigsten Entwicklungsschritte häufig genauso passiert – gegen massiven Widerstand, weil ich Angst vor Veränderung hatte!
 

Eine Person, die ich aktuell als Mentor sehe, hat ganz ähnliche Erfahrungen mit mir gemacht. Meine Standard-Antworten waren (und sind es teilweise noch immer) grundsätzlich „Nein!“ oder „Ja, aber…!“, wann immer es Impulse gibt, die ich nicht hören möchte. Meist wird kurz darauf klar, dass ich nur wieder vor einer Blockade stand, über die ich gedanklich erstmal rüber musste.
 

Ich beschreibe es manchmal als „Brett vor dem Kopf“, hinter das ich nicht schauen kann. Dafür braucht es Hilfe von jemandem, der schon weiß, dass das Brett eigentlich eine Tür ist, durch die ich weitergehen kann. Durch Gespräche bekomme ich dann die Klinke in die Hand, um die Tür zu öffnen und (gedanklich wie real) neue Räume zu betreten. Das ist jedes Mal harte Arbeit, aber sie lohnt sich auch.
 

Irgendwann fragte ich nach, warum dieser Mensch sich die Arbeit mit mir eigentlich angetan hat. Warum er, trotz all meiner Ablehnung und Widerstände, drangeblieben ist und es nicht abgehakt hat. Immerhin hatte er keinen offiziellen Auftrag oder Gründe, die es irgendwie gerechtfertigt hätten, in eine Person zu investieren, die alles erstmal ablehnt. Frei nach einem weiteren Sprichwort: „Wer nicht will, der hat schon!“. Seine Antwort war: „Weil ich daran glaube, dass ich Potenziale sehen kann. Und dann bleibe ich dran, um zu sehen, ob ich damit richtig liege.“
 

Die Geschichte ist noch lange nicht fertig erzählt, aber ich bin trotzdem jetzt schon überzeugt, dass er richtig lag. Immerhin durfte ich, mit dem Schritt auf die Bühne, erneut eine Lernerfahrung machen, die ich mir aus Unsicherheit selbst verwehrt hätte. Es ist abgefahren, wie sehr man über sich hinauswachsen kann, wenn man die richtigen Menschen um sich hat. Der Glauben anderer an uns selbst kann ansteckend sein und gleichzeitig gruselig. Aber zu wissen, dass man weich fällt, weil jemand hinter uns steht, ist ein gutes Gefühl – wenn wir es zulassen können.
 

Ich bin dankbar für jeden einzelnen dieser Momente und auch dafür, dass ich meinen Dickschädel nicht überall durchgesetzt bekomme. Die Lehren, die ich aus solchen gefühlten Niederlagen ziehe, sind sehr viel größer als schnelle Siege und Abkürzungen. Also bleibe ich dran und bin gespannt, wann die nächste Hürde kommt und was ich am Ende (über mich) lerne.

2 Antworten

  1. Ich freue mich noch heute, dass du dich damals nicht durchgesetzt hast 😀. Dein Lebensweg ist ein Grund mit dafür, dass ich mir manchmal sage, ich habe nicht alles falsch gemacht. Also ist die Freude bei mir genauso so groß. Das ist so, wie mit den Reisschalen der buddhistischen Mönche. Du hast mir die Gelegenheit gegeben, etwas Gutes zu tun. Danke dafür. Das meine ich sehr ernst, denn ich hatte beruflich sehr dunkele Stunden.

    1. NA TOLL! Und jetzt sitz ich hier und brauch ein Taschentuch! <3 Ich hatte gar nicht gesehen, dass du einen Kommentar hinterlassen hast und der rührt mich wirklich sehr. Ich würde ja sagen, "Du machst dir kein Bild davon, wie dankbar ich dir bin.", aber ich glaube, ich hab es über die Jahre wohl das ein oder andere Mal erwähnt oder gezeigt. 🙂 Ich hatte in meiner Geschichte so viele unerträglich schlechte Erfahrungen mit Lehrkräften, dass ich bis heute froh über den Zufall bin, der mich damals nach Elsen verschlagen hat. Du warst damals ja nicht alleine, aber bis heute erzähle ich gern von dir (beruflich und privat). Nämlich als leuchtendes Beispiel dafür, woran man merkt, ob jemand für seinen Job brennt und da wirklich mit Überzeugung dabei ist, oder man man Dienst nach Vorschrift macht und aufgegeben hat. Ich weiß, da gab es viele andere Momente bei dir und es gibt viele Variablen, die das beschädigt haben. Aber meinen Werdegang darfst du dir von Herzen gerne als Trophäe irgendwo einrahmen, denn du hast einen großen Anteil daran, dass ich den so gehen konnte. Und dass du seit ziemlich genau 20 Jahren (02/2004) auch ein Teil davon geblieben bist, etwas entfernt, aber nie wirklich weg, ist ein wirklich schönes Geschenk. <3 Danke dir von Herzen.

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