Schwarz und Weiß wird Grau

Ich selbst sehe mich gern als pragmatische Handwerkerin und analytische Wissenschaftlerin. Probleme anderer Menschen, ob fachlich oder zwischenmenschlich, sind spannende Puzzle für mich, die ich gern lösen möchte. Egal wie komplex und herausfordernd, auch wenn es viel Zeit kostet, bis ich die notwendigen Teile ausgegraben habe.
 

Es ist unmöglich zu sagen, wie viele Stunden meines Lebens ich schon damit verbracht habe, mit verschiedenen Parteien in Einzelgesprächen zu sitzen, mir eine Geschichte in all ihren Facetten anzuhören, um dann Verbindungen zu finden, die andere nicht sehen. Oder den Fokus auf einzelne Teile zu richten, welche für die Beteiligten eher versteckt im Schatten liegen. Wenn ihr euch hier ein Whiteboard mit Post-its, Tatort-Fotos, Verdächtigen und einem roten Faden vorstellt, der alles verbindet, habt ihr ein gutes Bild davon, wie es oft in meinem Kopf aussieht. 😉
 

Ich liebe es, dass mein Kopf so funktioniert, weil es für mein Umfeld sehr hilfreich ist und ich gleichzeitig verschiedene Dinge für mich daraus ziehen kann. Es gibt mir ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, wenn ich für andere da sein kann. Probleme zu lösen, die für andere zu schwer erscheinen, gibt mir zusätzlich ein gutes Gefühl davon, wichtig und gut in etwas zu sein. Lieber wäre mir, dass solche Gedanken keine Rolle spielen, aber ich habe zumindest einen Kanal gefunden, indem ich diese Bedürfnisse erfüllen kann, durch den alle profitieren können. Wo andere Menschen in meiner Vergangenheit Macht und Manipulation nutzten, um sich wichtig zu fühlen, gefallen mir Solidarität und Hilfsbereitschaft sehr viel besser.
 
Was mich derzeit beschäftigt, ist aber vor allem das Problem, dass ich diese Eigenschaften und Fähigkeiten zwar für andere einsetzen kann, aber nicht für mich selbst. Es liegt in der Natur der Sache, dass ich nicht objektiv von außen auf meine eigenen Themen schauen kann. Im Außen kann ich mich auf die Fakten konzentrieren und empathisch auf die Gefühle meiner Mitmenschen reagieren. In meinem Inneren kann ich das nicht, weil viel zu viele Erfahrungen, Gedanken und Hintergründe da sind, die hier und da anklopfen. Mich selbst kann ich nicht austricksen und nicht ausblenden, dass oft mehr in mir vorgeht, als ich nach außen kommunizieren würde.
 

Wenn ich mit Menschen arbeite, die sich verändern wollen, aber Ängste damit verbunden sind, kann ich daran forschen und herausfinden, an welchen Stellen etwas knifflig ist und Hilfestellung geben. Auch für Freunde kann ich die rettende Räuberleiter sein, wenn es über die nächste Mauer gehen soll, die man allein (auch mit Anlauf) nicht überwinden kann. Manchmal braucht es nur einen kleinen Schubs, eine Erinnerung an das, was uns schon gelingt und auszeichnet oder eine helfende Hand bei den ersten Schritten, bis wir uns sicher fühlen.
 

Eine wichtige Fähigkeit, die ich dafür mitbringe, ist das Erkennen und Benennen von Grautönen. Wenn wir, z.B. durch Ängste, in einem Wahrnehmungstunnel sind, ist der Fokus sehr eng eingestellt. Nach links und rechts schauen scheint unmöglich, wenn wir nur auf das Problem scharfstellen, und das macht es noch bedrohlicher. Es gibt nur „Gut oder Böse“, „dafür oder dagegen“, „Ganz oder gar nicht“. Jeder kleine Fehler wird überanalysiert und als Totalversagen gelesen. Solange wir in dieser Spirale gefangen sind, können wir Grautöne einfach nicht sehen und da hilft ein Blick von jemandem, der nicht so stark involviert oder im Panik-Modus ist.
 

Familie, Freund:innen und viele Kund:innen wissen, was sie an mir haben und dass sie bei mir diesen Blick von außen bekommen können, wenn sie mich brauchen. Das macht einen großen Teil meines Selbstbildes aus und genauso mag ich mich und möchte ich mich sehen. 


Der Haken an der Geschichte ist, dass es aktuell auch Menschen gibt, die mir nahestehen und ein komplett anderes Bild von mir bekommen. Warum? Weil das nicht alles ist, was ich bin und ich derzeit in einer Phase bin, in der ich zum ersten Mal zulasse „aus der Rolle zu fallen“.
 

Was das bedeutet? Ich habe mich über viele Jahre so daran geklammert, die Person zu sein, die ich hier beschreibe, dass ich nicht ertragen konnte, selbst etwas zu „brauchen“. Eine meiner größten Stärken ist es, anderen Menschen die Sicherheit zu geben, die sie brauchen, um sich selbst zu finden, über sich hinauszuwachsen und Neues zu wagen, während ich selbst vor all diesen Dingen selbst eine riesige Angst hatte und auch weiterhin habe.
 

Hierfür brauchte ich selbst Menschen, die für mich diese Rolle übernehmen, in der ich mich sonst sehe und das kostet Überwindung. Offen damit umzugehen, dass ich einen Haufen Ängste mit mir herumtrage und meinen eigenen Wert oft selbst nicht wahrnehme, macht mich angreifbar. Ein wichtiger Grund, warum ich es so lange nicht konnte, weil sich selbst der kleinste Schritt in Richtung „Verletzlichkeit“ sich anfühlte, wie die komplette Aufgabe von Kontrolle.
 

Hier gab es kein Grau in meiner Wahrnehmung, sondern nur die vollständige Kontrolle oder den kompletten Kontrollverlust und toxische Abhängigkeit. Als würde ich mich selbst mit Anlauf in eine vorprogrammierte Katastrophe stürzen. Bei jedem anderen Menschen hätte ich gegrinst, durchgeatmet und wäre die vielen Varianten dazwischen durchgegangen und hätte einen Realitätscheck gemacht, um gemeinsam zu prüfen, wie wahrscheinlich dieses Katastrophendenken eigentlich ist. Sich selbst dabei zu ertappen, wie man in genau die Fallen läuft, die man anderen vermittelt, kann frustrierend und heilsam gleichzeitig sein.
 

Also habe ich mich aktiv dazu entschieden, mich über meine Ängste und mein Bauchgefühl hinwegzusetzen. Natürlich gibt es jedes Mal das Risiko verletzt zu werden und mich falsch zu entscheiden. Es nicht zu versuchen, bedeutet auf jeden Fall Stillstand. Der Versuch kann aber Fortschritt mit sich bringen. Und genau das passiert: Ich mache wieder und wieder die Erfahrung, dass es mir hilft, anderen Menschen so viel Vertrauen zu schenken, wie es mir entgegengebracht wird. Das stärkt nicht nur mich, sondern auch meine Verbindungen zu anderen, weil ich schrittweise aus der Helfer-Rolle rutschen und Augenhöhe herstellen kann. Was für ein Defizit ich an dieser Stelle hatte, war mir auch lange nicht klar.
 

Allein während ich diese Zeilen hier schreibe, habe ich einen Kloß im Hals und ein Teil von mir weigert sich, es zuzugeben und mit euch zu teilen. Mir diese Gedanken selbst zu erlauben war schon eine große Herausforderung. Der Sprung dahin, meine Ängste und Unsicherheiten auch anderen Menschen gegenüber zu formulieren, bleibt eine Daueraufgabe, die mich immer mal wieder überfordert oder lähmt. Dennoch mache ich häufig die Erfahrung, dass es wichtig und gut ist, offen zu sein. Meine eigene Offenheit schafft Offenheit bei meinem Gegenüber – Und das ist jedes Mal wieder eine schöne Erfahrung, die mich weiterbringt.
 

Ich möchte diesen Kanal nutzen, um mich nicht weiter (vor mir selbst) zu verstecken und krampfhaft ein unvollständiges Bild von mir zu zeichnen. Zu merken, welche körperlichen Stress-Reaktionen hier gerade passieren, ist ein deutliches Zeichen für mich, dass es noch ein langer Weg ist, bis ich da bin, wohin ich andere begleite: zu mehr Vertrauen – in mich selbst und andere.

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