Räume für Verbundenheit

Im ersten Blog-Artikel ging es um das Schaffen neuer Räume und da knüpfe ich nahtlos an. Nur wenige Tage nachdem der erste Text entstand, besuchte ich eine Veranstaltung, die nachhallte. Ein Workshop mit kulturinteressierten Menschen und Künstler:innen. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde, aber ich war neugierig.
 
Der gesamte Tag war dem Thema „Macht und Machbarkeit – Raum und Liebe“ gewidmet. Für einen Diskurs zum Thema Macht war die Villa Hügel in Essen als Austragungsort perfekt gewählt. Ich hatte viele Gedanken zu den einzelnen Bausteinen und lies mich darauf ein, sie mit anderen zu teilen und ins Gespräch zu kommen. Andere Bezüge und Lebensrealitäten kennenzulernen und selbst Perspektiven beizusteuern, die gerade in diesem Umfeld vermutlich eher ungehört bleiben und vielleicht auch unbequem sind.
 
Als Arbeiterkind mit Armutsbiografie fühlte ich mich schon beim Betreten des Geländes „fehl am Platz“ und war unsicher, wie ich in diesem Kontext funktionieren würde. Dieser Termin war ein großer Schritt heraus aus meiner Komfortzone und ich hatte bis zuletzt Sorge, ob meine Teilnahme wirklich eine gute Idee ist. Der Weg in die Villa verstärkte mein Gefühl, hier „absolut nichts zu suchen zu haben“ noch einmal, aber ich sollte eines Besseren belehrt werden.
 
In der Vorstellungsrunde war ich kurz vor Schluss an der Reihe und sprach offen über meinen Bezug zum Thema und meine Motivation für die Teilnahme. Ich konnte an unterschiedlichen Stellen an meine Vorredner:innen anknüpfen und Verbindungen herstellen. Mein Redeanteil war der längste von allen, sodass ich schon gleich zu Beginn viel Raum einnahm. Das passiert mir tatsächlich häufiger, aber immer begleitet von Scham und einem großen Drang, dafür im gleichen Atemzug um Entschuldigung zu bitten. Ich hatte einen großen Mitteilungsdrang, wollte aber niemandem den Raum entziehen, selbst auch gehört zu werden.
 
Dieses Gefühl von innerer Zerrissenheit begleitet mich, seit ich denken kann und fühlt sich oft wie ein Widerspruch an, den ich nur lösen kann, indem ich auf eines der Bedürfnisse verzichte. Möchte ich z.B. als besonders gebildet wahrgenommen werden und achte angespannt auf jedes meiner Worte? Oder möchte ich entspannt durchatmen und meine Sprache nicht kontrollieren, auch wenn dann eine große Bandbreite von Kraftausdrücken dabei ist? Lange Zeit war ich sicher, dass beides zusammen nicht funktioniert und ich entweder im Schlaubi-Modus sein müsste, dann aber nicht fluchen darf – oder im Ruhrpottschnauze-Modus, ohne über kluge Inhalte zu sprechen, die ich gelernt habe, weil es sonst nicht zusammenpasst. Also entstanden verschiedene Arbeits-Modi, die sich gegenseitig ausschließen und penibel voneinander getrennt wurden.
 
Im Laufe meines Lebens lernte ich aber auch, dass sich durch die Unterdrückung von Anteilen oder Bedürfnissen nichts verbessert, sondern schwelende Konflikte und andere Probleme entstehen. Daher machte ich auch diesen inneren Konflikt sichtbar und erklärte, dass ich gerade an sehr vielen Stellen Widersprüche wahrnehme und daran arbeite, sie aufzulösen.
 
Allem voran, durch einen Impuls eines guten Freundes, der unscheinbar wirken mag, aber mein Denken auf den Kopf gestellt hat: „Vielleicht ist es kein Widerspruch, sondern Gleichzeitigkeit“.
 
Dieser Satz begleitete die Gruppe durch den gesamten Tag und wurde mehrfach zitiert. Ich hatte mir im Vorfeld keinerlei Gedanken darüber gemacht, was meine Beiträge vielleicht auch für andere bedeuten könnten. Für mich stand nur die Entscheidung fest, dass ich meine Gedanken nicht wieder aus Scham oder falsch verstandener Rücksicht für mich behalte, sondern sie freilasse.
 
Wie viel damit passiert ist, hat mich sprachlos gemacht und begeistert. Außerdem hat es deutlich unterstrichen, was ich auch im letzten Jahr gelernt habe: Niemand kann vorhersagen, was andere berührt oder inspiriert.

Ich war an diesem Morgen sicher, dass ich mich „danebenbenommen“ und es mit der Offenheit übertrieben hatte (Stichwort: „Oversharing“). Daher haderte ich schon wieder damit, ob ich mich im folgenden Teil nicht doch etwas zurückhalten sollte. Gerade vor dem Hintergrund dieser Macht-Diskussion, da auch Redenanteile und die Art wie wir den Raum einnehmen, Zeichen von Macht sein können. Hier wollte ich sicherstellen, dass meine Motive klar sind und es nicht mein Anliegen ist, jemandes Zeit oder Gedanken zu beschneiden.
 
Noch während ich mit diesen Gedanken beschäftigt war, um mein Verhalten für die nächsten Stunden etwas anzupassen, passierte, worauf ich nicht vorbereitet war. Menschen kamen zu mir und suchten das Gespräch, um an meine Themen und Gedanken anzuknüpfen. Nicht im Sinne von Feedback oder Kritik, sondern um Verbindung herzustellen, für die ich ganz unbemerkt das Fundament gelegt hatte. Und in Windeseile gab es tiefgründige Gespräche zwischen Menschen, die vor knapp drei Stunden noch Fremde waren. Über Umbrüche, Selbstreflexion und Traumata, die unser Denken und Handeln beeinflussen.
 
Ich kann nicht erklären, wie genau es passiert. Aber ich durfte in 2023 mehrfach die Erfahrung machen, dass entwaffnende Ehrlichkeit und ein offener Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit, genau die richtigen Menschen miteinander verbindet. Ob im privaten Umfeld oder in einem Raum voller unterschiedlicher Charaktere, die man vorher nie getroffen hat. Ich bin kein besonders spiritueller Mensch, aber solche Erlebnisse bringen selbst mich an einen Punkt, zu glauben, dass es Verbindungen zwischen Menschen gibt, die ich logisch nicht erklären kann. Zwischen Seelen, die, wenn sie aufeinandertreffen, sofort zueinander finden.
 
Genau das ist hier passiert, als meine Selbstzweifel gerade einen Höhepunkt erreichten hatten und ich überzeugt war, ich müsste mich anpassen, um der Gruppe mehr Raum zu geben. Dabei hatte ich das auf einer anderen Ebene längst getan, ohne es überhaupt wahrzunehmen. Ich hatte dazu beigetragen, einen neuen Raum zu schaffen, in dem Menschen verletzlich und offen sein können. In dem ein Klima herrscht, das Sicherheit und Verständnis vermittelt, indem ich mich traute, über Ängste und Konflikte zu sprechen. Ich habe nicht „zu viel Raum eingenommen“, sondern ihn vergrößert und „angebaut“. In solchen Momenten bekomme ich ein Gefühl dafür, wer ich bin.
 
Eine Pädagogin aus meiner Vergangenheit, die ich sehr schätze, nannte mich einmal eine „Integrationsfigur“ und ich begriff damals nicht, was sie damit ausdrücken wollte. Auf meine Nachfrage erklärte sie mir, dass sie es für meine Superkraft hielt, offen auf Menschen zuzugehen und mit unterschiedlichsten Gruppen und Charakteren schnell eine gemeinsame Basis zu finden, auf der sich dann Menschen begegnen können, die ohne mich niemals auch nur den gleichen Raum betreten hätten. Das ist ca. 20 Jahre her und ich glaube, ich begreife noch immer nicht genau, wie ich das mache. Aber so langsam glaube ich zu verstehen, was sie gemeint hat.
 
Ich war so lange damit beschäftigt, meine verschiedenen Modi, Sprachen und Themen voneinander zu trennen, um keine Rollenkonflikte aushalten zu müssen. Aber seit ein paar Monaten löst sich diese starre Trennung auf und ich finde nach und nach einen Umgang mit meiner eigenen Komplexität. Das Zerrissenheitsgefühl wird sicher noch eine Weile mein Begleiter bleiben, aber was sich geändert hat, ist mein Umgang damit.
 
Denn jetzt gerade kann ich aushalten, dass sich manches gleichzeitig falsch und trotzdem fantastisch anfühlt. Und ich bin dankbar für mein Umfeld, das schrittweise dafür sorgt, dass ich mich auch mit mir selbst so sicher fühle, wie es andere in meiner Nähe tun. Nicht zerrissen oder in Teilen, sondern als komplexes Ganzes.


Bronnbacher Forum, Essen

Macht und Machbarkeit – Raum und Liebe

Villa Hügel, September 2023

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert